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-Immunologie INHALT: 1. Steinzeit-Anpassung
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SKRIPT ERNÄHRUNG UND VERDAUUNGArno HelmbergDieses Skriptum ist eine Lernhilfe zu meiner Vorlesung im Modul "Ernährung und Verdauung" an der Medizinischen Universität Innsbruck. Es steht auch in einer pdf-Version sowie in einer Englischen Version zur Verfügung. Version 2.1 ©Arno Helmberg 2010
Einfach ausgedrückt, ist die Strategie
folgende: komplexe und damit risikoreiche Substanzen bleiben draußen.
Dort werden sie in allgemein akzeptierte, sichere Bestandteile zerlegt.
Nur diese werden über definierte Eintrittspforten importiert. Allerdings
müssen wir zu dieser Politik Ausnahmen machen. Einerseits benötigen
wir einige hochkomplexe Moleküle, die wir nicht selbst herstellen können,
z. B. Vitamin B12. Um diese vor Verdauung zu schützen und zu importieren,
brauchen wir spezielle Dienste, so wie es Spezialisten benötigt, um
alte Gemälde über geographische und politische Barrieren zu transportieren.
Andererseits müssen wir, gerade um unsere Grenzen zu schützen, unserem
Verteidigungssystem die Gelegenheit geben, sich mit den potentiellen
Gefahren jenseits der Grenzen auseinanderzusetzen und diese von den
zahlreichen harmlosen Nahrungsmittelantigenen unterscheiden zu lernen,
die unser Organismus tolerieren soll. Zu diesem Zweck öffnen wir Kanäle,
über die wir kleine Stichproben komplexer Strukturen aufnehmen. Obwohl
wir diese Kanäle sorgfältig überwachen, können sie manchmal dazu missbraucht
werden, gefährliches Material einzuschleusen. 1. EVOLUTIONÄRE GESICHTSPUNKTE Was ist gesunde Ernährung? Diese Frage
berührt jeden und löst manchmal heftige Auseinandersetzungen aus. Anhänger
heißer Ernährungstrends bekämpfen einander mit Gusto. Der in reichen
Ländern vielfach praktizierte tägliche Genuss von fettreichen Fleischprodukten,
häufig stark gesalzen als Schinken oder Wurst, ist definitiv nicht gesund.
Jedoch auch das Gegenteil, eine rein vegetarische oder vegane Ernährung,
stellt eine Mangelernährung dar: dabei müssen zumindest Vitamin B12
und Eisen künstlich substituiert werden. Um die Anforderungen unseres Organismus
zu verstehen, hilft ein Blick in unsere Geschichte. Während der moderne
Homo sapiens über die ganze
Welt verbreitet lebt, ist das eine relativ neue Entwicklung. Aus Analysen
von mitochondrialer DNA sowie des Y‑Chromosoms wissen wir, dass
alle aus Europa, Asien, Australien und den amerikanischen Kontinenten
stammende Menschen die Nachfahren einer relativ kleinen Gruppe von Emigranten
darstellen, die vor 60.000 bis 70.000 Jahren Afrika und den Nahen Osten
verließen. In evolutionären Maßstäben gemessen ist diese Zeit zu kurz
für große genetische Anpassungsmechanismen. Mit anderen Worten, wir
sind zu einem großen Ausmaß das Produkt von Selektionsmechanismen, die
im Paläolithikum in Afrika herrschten. Wir sind auf Bedingungen der
Altsteinzeit optimiert. Leider ist es unmöglich, die Speisekarte
dieser Zeit genau zu rekonstruieren, doch sind einige Eckpunkte sehr
wahrscheinlich. Nahrung war oft knapp. Der Selektionsdruck favorisierte
jene Individuen, die in der Lage waren, bei gelegentlich guter Versorgungslage
effizient Fettreserven aufzubauen, um die langen Perioden knapper Versorgung
zu überstehen. Das fettarme Fleisch erlegten Wildes war begehrt, aber
schwer zu bekommen. Für den Großteil der Ernährung war man daher auf
Pflanzen angewiesen, Wurzeln, Knollen, Nüsse und in feuchteren Regionen,
Früchte. Milch und Getreide, Produkte der neolithischen (Ackerbau-)
Revolution vor 10.000 Jahren, gab es noch nicht. Das Verhältnis von
pflanzlicher zu tierischer Kost wurde auf etwa 65:35 geschätzt. Im Vergleich
zu unserer durchschnittlichen Westlichen Ernährung enthielt sie wahrscheinlich
mehr Protein und Ballaststoffe, mäßig Fett und weniger Kohlenhydrate. Ausreichend
Nahrung zu sammeln bedeutete tägliches Wandern und harte körperliche
Arbeit. Um in der afrikanischen Sonne nicht auszutrocknen, war es für
den Organismus notwendig, effizient Wasser zu sparen. Aus osmotischen
Gründen bedeutete das auch, Salz zu sparen, das, außer an der Küste,
knapp war. Mit diesen Überlegungen möchte ich
Bedingungen verständlich machen, die für unsere Ernährung und Gesundheit
grundlegend sind. Ich möchte damit nicht
ausdrücken, dass wir uns wie in der Altsteinzeit ernähren sollten. Erstens
ist das für die meisten von uns unmöglich. Getreideprodukte, Mais und
Reis sind angesichts der Menge der benötigten Kalorien nicht zu ersetzen.
Das Fleisch der Altsteinzeit war etwas qualitativ anderes als das uns
zur Verfügung stehende: Fleisch von Wild enthält wesentlich weniger
Fett als das unserer Masttiere. Zweitens müssen wir uns bei einer Weltbevölkerung
von sieben Milliarden Menschen anders verhalten als bei einer altsteinzeitlichen
Zahl von höchstens einigen hunderttausend. Die Massentierhaltung, die
nötig wäre, um so viele Menschen häufig mit Fleisch zu versorgen, ist
ethisch wohl nicht vertretbar. Wir werden einen Kompromiss zwischen
der biologisch optimalen und der ethisch wünschenswerten Ernährung finden
müssen, der zudem auf der globalen Ebene wirtschaftlich machbar und
fair ist. Mein Ziel hier ist es, die gesundheitlich relevanten Aspekte
der Ernährung verständlich zu machen. Im praktischen Interesse gehe
ich dabei von unserer tatsächlichen momentanen Situation aus, in der
Fleisch und weitere Nahrungsmittel tierischer Herkunft jederzeit zur
Verfügung stehen. 2. ÜBERERNÄHRUNG Für Menschen, die heute in reich versorgten
Ländern leben, ist die genetische Ausstattung der Altsteinzeit nicht
optimal. Durch unseren bewegungsarmen Tagesablauf wird das Missverhältnis
noch verstärkt. Was das Nahrungsangebot betrifft, leben wir in einem
Dauerfest. Stellen wir uns dem nicht bewusst entgegen, häufen wir Fettdepots
an, bis diese toxisch wirken. Erinnern wir uns: Toxizität ist eine Frage
der Dosis. Vieles deutet darauf hin, dass der bei Adipositas beobachtete
moderate Anstieg an freien Fettsäuren sich auf zwei Ebenen negativ auf
den Metabolismus auswirkt: einerseits auf die Insulin-produzierenden
β-Zellen, andererseits auf die Insulin-sensitiven peripheren Gewebe.
Freie Fettsäuren (FFA, free fatty acids oder NEFA, non-esterified fatty acids) induzieren
in Pankreas-Inseln IL‑1β, IL‑6
und IL‑8. Die IL‑1β-Expression schaukelt sich in einer
positiven Rückkoppelung auf und behindert die Insulinsekretion. Blockade
dieser Rückkoppelungsschleife mit dem IL‑1-Rezeptorantagonisten
Anakinra verbesserte die β‑Zellfunktion und hatte niedrigere
HbA1c-Spiegel zur Folge. Gesättigte Fettsäuren wie Laurinsäure
(C12) oder Palmitinsäure (C16) sind in der Lage, TLR4 (den LPS-Rezeptor)
und TLR2 partiell zu aktivieren. Über diesen Mechanismus führen erhöhte
Spiegel freier Fettsäuren zu einer Aktivierung pro-inflammatorischer
Signale und zu reduzierter Insulinsensitivität von Leber, Muskel- und
Fettgewebe. Ohne es wirklich zu verstehen, nennen
wir die Gesamtheit dieser Veränderungen Metabolisches Syndrom. Insulinresistenz
führt zu Diabetes mellitus Typ 2 und damit zu einem breiten Fächer an
Morbidität, wie Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall, diabetische
Nephro- und Retinopathie sowie Polyneuropathie. Dieses Problem trifft uns nicht alle
im gleichen Ausmaß. In der genetischen Lotterie haben manche mehr, manche
weniger Energiespar-Genallele gezogen. Zeitgenossen mit weniger Energiespar-Allelen
bleiben unter diesen Bedingungen ohne besondere Anstrengungen schlank;
die Mehrheit muss sich bewusst bemühen, um das Gewicht zu halten. Obwohl die Zeit für evolutionäre Veränderungen
seit dem Auszug aus Afrika knapp war, hat sich der veränderte Selektionsdruck
doch hier und da ausgewirkt. Es gibt Hinweise darauf, dass Gesellschaften,
in denen die bis dahin vorherrschende Lebensmittelknappheit erstmals
in ihr Gegenteil umschlug, massive Morbiditätskrisen durchmachten. Solche
Phasen gab es in Europa z. B. während der Römerzeit, als gut organisierte
Landwirtschaft und Transportsysteme die durchschnittliche Versorgungssituation
massiv verbesserte. Wahrscheinlich starben damals viele Menschen jung
an Diabetes mellitus und damit zusammenhängenden Gesundheitsproblemen.
In diesen Gesellschaften wirkte die Selektion bereits gegen die Energiespargene.
In Populationen, die dem kalorischen Überfluss heute erstmals ausgesetzt
sind, finden wir zur Zeit die stärksten Probleme bezüglich Übergewicht
und Diabetes mellitus Typ 2. Das Rezept für Gewichtsabnahme ist
einfach: nimm weniger Kalorien zu dir als du verbrauchst. Allerdings
sind wir darauf konstruiert, den Zustand einer negativen Energiebilanz
mit allen Mitteln zu vermeiden. Rasch werden Energiesparprogramme hochgefahren,
die uns passiv und grantig (hochdeutsch: griesgrämig) machen, frieren
lassen, unsere Gedanken ständig ums Essen kreisen lassen und uns bereit
machen, uns selbst hemmungslos zu belügen. Darum gelingt es nur wenigen,
lediglich durch Zurückhaltung beim Essen abzunehmen. Dauerhafte Gewichtsabnahme
gelingt in der Regel nur durch weitreichende Umstellung der Alltagsgewohnheiten
in Bezug auf Ernährung, sozialen/Trinkgewohnheiten und Bewegung. Regelmäßiges
Ausdauertraining wirkt dem Energiesparmodus entgegen. Gewichtsabnahme steht weit oben auf
der Prioritätenliste unserer Gesellschaft, wenn auch mehr aus ästhetischen
als aus Gesundheitsgründen. Leider wird den Leuten viel zu häufig mit
schlechtem Rat und fragwürdigen Produkten Geld aus der Tasche gezogen.
Im Folgenden daher eine (gratis!) evidenzbasierte Liste von Empfehlungen,
die dabei helfen können, dauerhaft abzunehmen. Viele dieser Aspekte
werden später noch näher erklärt. Vor allem: das Körpergewicht ist ein Resultat der Energiebilanz. Abnehmen bedeutet, weniger
Kalorien zuzuführen als zu verbrauchen. Keine Diät, kein Trick führt
an diesem Grundsatz vorbei. Die Energiezufuhr-Seite:
1.
Am Anfang steht der Entschluss, über
eine lange Zeit etwas weniger zu essen, als man braucht. Intensive Kurzzeit-Diäten
sind nicht nachhaltig: man quält sich einige Wochen, sehnt den Tag herbei,
an dem es endlich vorbei ist und legt damit schon den Grundstein für
den Jo-Jo-Effekt.
2.
Ein Langzeit-Marschplan mit realistischen
Zielen hilft, diese zu erreichen: 0,5 kg pro Monat sind machbar und
vernünftig.
3.
Eine tägliche Hungerphase ist gut!
Solange man nach einer Mahlzeit Kalorien aufnimmt, dominiert Insulin,
das die Umwandlung eines Teils dieser Kalorien in Fett steuert. Sobald
sich dieser Prozess umkehrt, dominieren Sympathikusaktivierung und Glucagon;
man wird wieder hungrig. Hunger ist das Signal an den Altsteinzeitmenschen,
wieder auf Nahrungssuche zu gehen: erst die Bewegung, dann die nächste
Mahlzeit. Solange man hungrig ist, verbrennt man Fett. Die häufigen
"Abnehmen, ohne zu hungern!"-Slogans kommen von Leuten, die
daran verdienen wollen.
4.
Frühstück und ein kleines Mittagessen
sind wichtig für die Leistungsfähigkeit. Es ist nicht notwendig, eine
Mahlzeit auszulassen; will man das trotzdem tun, verzichtet man am besten
auf das Abendessen. Um zu verhindern, dass Insulin dauernd aktiv ist,
sollte man zwischen den Mahlzeiten nicht zu viel naschen.
5.
Als Getränke empfehlen sich Wasser
und Tee. Auf Säfte sollte man verzichten, den Alkoholkonsum zurückschrauben.
Viele Kalorien nehmen wir in flüssiger Form zu uns. Erfrischungsgetränke
enthalten große Mengen Kohlenhydrate: Fructose, Glucose, Saccharose.
Alkohol verstoffwechseln wir zu Acetyl-CoA und Reduktionsäquivalenten,
also zu den Ausgangsprodukten der Fettsäuresynthese. Immer, wenn wir
Alkohol trinken, synthetisieren wir Fett, statt es zu verbrennen.
6.
Selbst kochen! Dann weiß man, was man
isst.
7.
Kleinere Portionen servieren, kleinere
Teller verwenden wegen des Portionsgrößeneffekts.
8.
Primäre Lebensmittel helfen bei der
Kalorienreduktion: Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Salate, mageres Fleisch,
Fisch. Industriell verarbeitete Lebensmittel haben in der Regel eine
höhere Energiedichte, d. h., sie enthalten zu viel Fett und Zucker.
Außerdem enthalten sie häufig zu viel Salz, Trans-Fette und andere Stoffe
zweifelhafter Nützlichkeit.
9.
Eiweißreiche Mahlzeiten machen es leichter,
die Gesamtkalorienzufuhr zu vermindern. Verglichen mit isokalorischen
Alternativen zögert eine eiweißreiche Mahlzeit über Ausschüttung von
PYY die Rückkehr des Hungergefühls hinaus. Zu den proteinreichen Nahrungsmitteln
gehören Eier, Fisch und mageres Fleisch; Vegetarier können auf Tofu,
Kerne (Kürbis, Sonnenblume) und Nüsse zurückgreifen.
10.
Mahlzeiten mit niedrigem glykämischen
Index unterstützen Abnehmbemühungen. Dieser Punkt überlappt mit den
vorigen beiden, denn primäre und proteinreiche Lebensmittel tendieren
zu einem niedrigeren glykämischen Index. Konkret bedeutet das Zurückhaltung
bei zuckerhältigen Lebensmitteln wie Süßigkeiten, Schokolade, Konditoreiwaren.
Den glykämischen Index des Frühstücks kann man herabsetzen, indem man
Weißbrot und industrielle Frühstücksflocken durch Vollkornmüsli mit
Obst ersetzt. Die Energieverbrauchs-Seite:
11.
Mehr tägliche Routinebewegung erhöht
den Energieverbrauch: zur Arbeit gehen oder Rad fahren statt mit Bus
oder Auto; die Stiege benützen statt den Lift. Auch ein Schrittzähler
kann motivierend wirken.
12.
Leichtes, aerobes Ausdauertraining,
zweimal, besser dreimal pro Woche für mindestens 30 Minuten, erhöht
den Grundumsatz für viele Stunden nach der eigentlichen Bewegung. Die
Form ist sekundär: flott gehen, joggen, Rad fahren, schwimmen, langlaufen,
tanzen… 13. Hält man Innentemperatur und Kleidung eher kühl, verheizt der Körper selbst mehr Energie durch adaptive Thermogenese in Muskel und braunem Fettgewebe.
Unsere
intuitive Vorstellung von Gewichtsabnahme sieht etwa so aus: Wir essen
eine Weile weniger, bis wir unser Zielgewicht erreicht haben, und dann
essen wir wieder "normal", das heißt, ähnlich viel wie vorher.
Diese Vorstellung ist leider aus zwei Gründen falsch:
1.
Der Energieverbrauch
(Kalorienbedarf) unseres Körpers ist eine Funktion seiner Masse. Wer
das nicht glaubt, schleppe einmal für einige Tage einen 10 kg-Rucksack
herum. Wenn wir also erfolgreich abnehmen, hat unser Körper am Zielgewicht
einen geringeren Kalorienbedarf als vorher. Beispiel: Eine 22-Jährige,
165 cm, empfindet ihre 70 kg (BMI 25,7) als zu viel und nimmt mit viel
Mühe und Rückschlägen, aber letztlich erfolgreich, 10 kg ab. Ihr 60
kg-Körper (BMI 22) hat, nach Standardformeln berechnet, einen Kalorienbedarf
von 2170 kcal pro Tag, während ihr 70 kg-Körper 2340 kcal zu sich nehmen
konnte, ohne weiter zuzunehmen. Sie muss also zumindest um die Differenz
von 170 kcal weniger essen als vorher, um nicht wieder zuzunehmen.
2.
Die tatsächliche Differenz
ist allerdings noch höher: Unser Organismus "merkt" sich das
höhere Ausgangsgewicht und setzt alles daran, dieses wieder zu erreichen.
Bei Personen, die mehr als 10 kg abgenommen hatten und dieses Gewicht
einigermaßen halten konnten, fand man, dass ihr Organismus das neue
Gewicht ein volles Jahr später immer noch als Defizitzustand interpretierte:
die Sattheitshormone Leptin und PYY waren erniedrigt, das Hungerhormon
Ghrelin erhöht und die Testpersonen gaben verstärktes subjektives Hungergefühl
an. Sorgfältige Messungen ergaben, dass der Gesamtenergieverbrauch solcher
Personen geringer war, als der von gleich schweren Vergleichspersonen,
die nicht abgenommen hatten. Auf das Beispiel der jungen Frau umgelegt:
hätte sie nie ein höheres Gewicht gehabt, würde ihr 60 kg-Körper die
berechneten 2170 kcal pro Tag verbrauchen. Ihr "post-70 kg"
60 kg-Körper befindet sich ein Jahr später allerdings immer noch im
Energiesparmodus und verbraucht weniger. Diese zusätzliche Reduktion
wurde bisher nur in wenigen Probanden quantifiziert und variierte stark,
sodass es nicht möglich ist, in unserem Beispiel eine exakte Zahl anzugeben,
doch liegt sie vermutlich zwischen 100 und 400 kcal. Der neue Gleichgewichts-Energieverbrauch
der jungen Frau liegt damit irgendwo zwischen 1770 und 2070 kcal pro
Tag. Mit anderen Worten: Will sie ihr Gewicht halten, muss sie bei verstärktem
Hungergefühl jeden Tag um 270-570 kcal oder etwa eine halbe Mahlzeit
weniger essen, als ihrem Gefühl von "normal" entspricht. Für
wie lange? Das wissen wir leider noch nicht. Wie viele Jahre dieser
Energiesparmodus anhält, muss erst erforscht werden; hoffen wir, nicht
den Rest unseres Lebens. Darum also ist es so schwierig, dauerhaft
abzunehmen. Eine wesentliche Schlussfolgerung: Prävention von Übergewicht
ist um vieles leichter als nachträgliche Korrektur. Prävention von Übergewicht,
sowie von Rauchen, sind unspektakulär, gehören aber zu den wirksamsten
ärztlichen Aufgaben. 3. HOHE SALZAUFNAHME Ähnlich, wie wir für einen Kalorienmangel
genetisch besser vorbereitet sind, als für einen Kalorienüberschuss,
sind wir für einen Salzmangel besser vorbereitet, als für Salzüberschuss.
Währen wir mit dem Aldosteronsystem einen sehr effizienten Mechanismus
haben, Salz zu sparen, sind unsere Mechanismen zur Salzausscheidung
weniger effizient, weil sich dieses Problem in der Evolution des modernen
Homo sapiens nicht stellte. Der evolutionär
begründete Appetit nach Salz in Kombination mit dessen reichlicher Verfügbarkeit
führt heute zu Überkonsum. Mehr Salz führt bei ineffizienter Ausscheidung
aus osmotischen Gründen zu mehr Volumen, und tendenziell höheres Volumen
im geschlossenen System des extrazellulären Raums bedeutet tendenziell
höheren Blutdruck. Erst mit Hilfe des höheren Blutdrucks sind wir in
der Lage, mehr Salz auszuscheiden, da die renale Natriumausscheidung
eine Funktion der tubulären Flussrate ist (pressure
natriuresis). Unsere hohe Salzaufnahme begünstigt also die Enststehung
von Bluthochdruck. Die DASH-Ernährungsempfehlung
(Dietary Approaches to Stop Hypertension,
Link leider nur auf Englisch verfügbar,
mit englischen Maßen und Gewichten) zielt auf diesen Punkt ab und
stellt generell einen guten Ratgeber zur gesunden Ernährung dar. 4. UNTERERNÄHRUNG Trotz des Überflusses in einem Teil
der Welt ist Hunger nach wie vor eines der größten medizinischen Probleme.
Etwa 1 Milliarde Menschen sind unterernährt. Nach Jean Ziegler, in seiner
Tätigkeit für die Vereinten Nationen, war Unterernährung im Jahr 2006
für 58% der weltweiten Gesamtmortalität verantwortlich. Als eine Folge
ihrer Armut müssen viele Menschen mit einer extrem eingeschränkten Nahrungspalette
auskommen, im Wesentlichen mit Mais oder Reis. Während die täglich verfügbare
Menge für den rein kalorischen Bedarf noch ausreichen mag, fehlen bei
einer solchen Ernährung essentielle Bestandteile, sodass Krankheiten
auf die Dauer unausweichlich und der Tod nur zu oft die Folge sind. Mit einer regelmäßigen Versorgung mit
Kohlenhydraten ist unser Organismus in der Lage, Energie zu produzieren
sowie andere notwendigen Kohlenhydrate und Lipide durch Umbau herzustellen.
Das Problem beginnt aber bereits bei den Proteinen. Von den zwanzig
Aminosäuren können Erwachsene acht nicht selbst synthetisieren –Kinder
noch mehr--, sodass diese mit der Nahrung aufgenommen werden müssen.
Mehrere von diesen sind in Mais oder Reis in nicht ausreichender Menge
vorhanden. Ein Protein ist eine Kette von Aminosäuren: es liegt im Wesen
einer Kette, dass ein einziges fehlendes Kettenglied die gesamte Kette
unbrauchbar macht. In der Armennahrung der Entwicklungsländer stellt
Lysin die limitierende Aminosäure dar, gefolgt von Tryptophan. Sobald eine Aminosäure limitierend
wird, kann der Organismus nicht mehr genügend Proteinmoleküle herstellen.
Von außen sichtbar wird das zuerst für jene Proteine, die wir in hohen
Kopienzahlen benötigen: Muskelproteine und Albumin. Albumin benötigen
wir, um den kolloidosmotischen Druck zu erhalten; ein Mangel führt zu
typischen Fußödemen und Aszites-bedingtem Hungerbauch. In einer auf
den ersten Blick paradox erscheinenden Reaktion ist die Leber durch
Fetteinlagerung vergrößert, da die Lipide durch Apoproteinmangel nicht
als VLDL in die Peripherie verbracht werden können. Mangelhaft pigmentiertes,
schütteres Haar und Dermatitis sind weitere typische Zeichen. Betroffene
Kinder und Erwachsene sind apathisch und ein leichtes Opfer für Infektionen,
da eine effektive Immunantwort auf die Produktion von Antikörpern und
Zellen angewiesen wäre. Der Begriff Kwashiorkor kommt aus der Ghanesischen
Ga-Sprache und bedeutet "die Krankheit, die ein Kind bekommt, wenn
ein neues Kind geboren wird". Durch das Abstillen des älteren Kindes
wird die ausgewogene Aminosäurezusammensetzung der Muttermilch durch
die mangelhafte der pflanzlichen Ernährung ersetzt. Selbstverständlich
wird die Unterernährung in diesen Situationen durch weitere, zusätzliche
Faktoren verstärkt: der Armennahrung fehlt verwertbares Eisen, Vitamin
B12 (siehe unten), Niacin und sie ist häufig durch Aflatoxin kontaminiert. 5. ZENTRALE APPETIT-REGULATION Der Hypothalamus ist der Haupt-Schauplatz für die Appetitregulation, und ein wesentliches Schaltzentrum ist der Nucleus arcuatus. Hier treffen Versorgungs-Informationen aus der Peripherie ein, z. T. über neurale Afferenzen, z. T. über Proteinhormone wie Leptin und Ghrelin. PortionsgrößeneffektJe größer die Portion ist, die vor
uns steht, desto mehr essen wir. Gibt man der Durchschnittsperson einen
Teller mit mehr, als sie essen kann, isst sie eine gewisse Menge davon.
Gibt man derselben Person einen größeren Teller mit einer noch größeren
Portion, isst sie mehr als das erste Mal. Wir sind weit davon entfernt,
die Mechanismen solcher zentralen Steuerungen zu verstehen, doch handelt
es sich beim Portionsgrößeneffekt wahrscheinlich um einen Teil des Programms
zur Anlage von Fettdepots in Zeiten des Überflusses. Praktische Bedeutung: Abnehmen fällt leichter, wenn man kleinere Portionen/Teller auftischt.
Von Badezuber-artigen Popcornbehältern wird abgeraten. Leptin (von griech. leptos=dünn) füttert das Zentrale Nervensystem
mit Informationen über die vorherrschende Versorgungslage. Das ZNS reagiert
darauf mit sinnvollen Modifikationen des Essverhaltens, der allgemeinen
Aktivität, der Reproduktionsfunktionen und des Knochenstoffwechsels
(Anorexia nervosa kombiniert
z. B. niedrige Leptinspiegel mit Amenorrhoe und Osteoporose). Das Signalprotein
Leptin wird fast ausschließlich durch Adipozyten sezerniert (wir sprechen
daher von einem Adipokin). Sein Langzeit-Plasmaspiegel ist proportional
zum Fettgewebs-Volumen des Individuums. Um dieses Niveau gibt es eine von den täglichen Mahlzeiten
abhängige Oszillation mit in der Regel einem Tief zum Frühstück und
einem Hoch am späten Abend. Darüber hinaus führen Änderungen der Ernährungslage
zu temporären Abweichungen des Leptinspiegels. Auf Hungerphasen über
einige Tage reagiert Leptin mit einem Abfall, auf festliche Kalorienzufuhr
mit einem Anstieg. Leptin überwindet die Blut-Hirn-Schranke und beeinflusst
Neuronen im Nucleus arcuatus. Erniedrigte Leptin–Werte führen zu einem
verstärkten Hungergefühl, erhöhtes Leptin zu Sattheit. Für eine gewisse
Zeit bestand die Hoffnung, Leptin sei
die Antwort für das verbreitete Übergewichtsproblem. Tatsächlich hat
ein sehr kleiner Prozentsatz adipöser Menschen einen Leptinmangel. Die
meisten stark übergewichtige Menschen zeigen jedoch leider eine zentrale
Leptin-Resistenz (ähnlich der Insulin-Resistenz bei Diabetes
mellitus Typ 2), d. h., sie reagieren auf hohe Plasma-Leptin-Konzentrationen
nicht mit vermindertem Appetit. Das Gefühl, satt zu sein,
entsteht durch eine zentrale Kooperation von Leptin und Insulin. Beide
stimulieren POMC (Pro-opiomelanocortin)-exprimierende Neuronen im Nucleus
arcuatus. Diese anorexigenen (appetithemmenden) Neuronen sezernieren
in ihren Synapsen ein POMC-Fragment, α-MSH (α-melanocyte
stimulating hormone), das bestimmte Melanocortin-Rezeptoren (MC3R
und MC4R) aktiviert und eine Einstellung der Nahrungsaufnahme sowie
eine Erhöhung der Stoffwechselrate zur Folge hat. Etwa 4% der Patienten
mit schwerer kindlicher Adipositas zeigen Mutationen in MC3R oder MC4R.
POMC-Neuronen sezernieren überdies CART (cocaine-
and amphetamine-regulated transcript), das auch Sattheit vermittelt
und die Aktivität steigert. Die Aktivität der POMC-Neuronen wird übrigens
auch durch Nikotin gesteigert, was den niedrigeren durchschnittlichen
body mass index von Rauchern erklärt sowie die Tendenz zur Gewichtszunahme
nach Rauchentwöhnung. Eine zweite Gruppe von
Neuronen im Nucleus arcuatus wirkt den POMC-exprimierenden Neuronen
entgegen. Sie fördern Hungergefühl, Nahrungsaufnahme und Aufbau von
Depotfett, während sie die Thermogenese im braunen Fettgewebe drosseln.
Pharmakologische Querverstrebung: Medikamente aus der Amphetamin-Familie wurden früher
als Appetitzügler eingesetzt. Diese Praxis wurde allerdings beendet,
als klar wurde, dass der appetitzügelnde Effekt nicht vom abhängig machenden
Effekt und anderen unerwünschten Wirkungen getrennt werden kann. PYY wird nach der Nahrungsaufnahme
durch neuroendokrine L-Zellen in der Schleimhaut des distalen Darms
freigesetzt. Vergleicht man Mahlzeiten gleichen Brennwerts mit jeweiliger
Betonung auf Kohlenhydraten, Protein oder Fett, so findet man die höchsten
Plasmaspiegel von PYY nach proteinreichen Mahlzeiten. Abgesehen von
peripheren Effekten, wie die Reduktion von Magenmotilität und –sekretion,
fördert PYY zentral das Sättigungsgefühl. PYY stimuliert Y2-Rezeptoren
im Hypothalamus. Das führt wieder zur Aktivierung der appetithemmenden
POMC-exprimierenden Neurone im Nucleus
arcuatus. Praktische Bedeutung: Eine proteinreiche Mahlzeit verzögert
das Wiederauftreten des Hungergefühls am effektivsten und erleichtert
es damit, eine generelle Kalorienreduktion durchzuhalten. Ghrelin wird als der Haupt-Gegenspieler
von Leptin betrachtet. Es wird während der Hungerphase durch bestimmte
Schleimhautzellen des Magens, besonders im Fundus, gebildet, sowie im
Pankreas. Ghrelin (Akronym für growth
homone release-inducing) ist ein Peptid von 28 Aminosäuren mit einer
an Serin gebundenen Octansäure. Ghrelin aktiviert seinen Rezeptor, GHSR
(GH secretagogue receptor), der einerseits
von zentralen Neuronen im Nucleus arcuatus, andererseits von peripheren
afferenten Vagus-Neuronen exprimiert wird. Ghrelin stimuliert Appetit
und ist darüber hinaus an der Freisetzung von Wachstumshormon beteiligt.
Zusammenfassend trägt Ghrelin zur Steigerung der Körpergewichts und
zum Längenwachstum bei. 6. KOHLENHYDRAT-VERDAUUNG UND –AUFNAHME Der Großteil natürlicher
Kohlenhydrate wird in Form von Stärke aufgenommen. Ihre Verdauung beginnt
mit dem Enzym α-Amylase, das in Speichel und Pankreassekret vorkommt.
Dazwischen, im Magen, pausiert die Kohlenhydratverdauung, da die α-Amylase
durch die Magensäure inaktiviert wird. α-Amylase ist prinzipiell
in der Lage, α‑1,4‑glykosidische Bindungen zwischen
Glucoseeinheiten zu spalten, jedoch keine endständigen und keine, die
α‑1,6‑glykosidisch verbundenen Einheiten benachbart
sind. Aus der α-Amylase-Verdauung resultieren also keine Monosaccharide,
sondern Zweier- (Maltose) und Dreier- (Maltotriose) –Einheiten von Glucose
sowie die Verzweigungsstücke um α‑1,6‑verbundene Einheiten,
die sogenannten Limit-Dextrine. Die nächste Phase der Kohlenhydratverdauung
erfolgt durch die drei Typen von Bürstensaumenzymen: Maltase (Glucoamylase),
Lactase und Sucrase-Isomaltase. Maltase spaltet Maltose, Maltotriose
und noch etwas längere 1,4‑verbundene Polymere in ihre Glucose-Einheiten.
Lactase spaltet das Disaccharid Laktose (Milchzucker) in seine Monosaccharid-Einheiten
Glucose und Galactose. Sucrase-Isomaltase ist ein zusammengehängtes
Doppelenzym. Die Sucrase-Einheit spaltet das Disaccharid Saccharose
(den Zucker aus der Zuckerdose) in seine Monosaccharide Glucose und
Fructose. Die Isomaltase-Einheit spaltet die α‑1,6‑glykosidische
Bindung der Limit-Dextrine und ist ebenfalls in der Lage, 1,4‑verbundene
Einheiten zu spalten. Die resultierenden Monosaccharide
werden schließlich durch Transporter in die Enterozyten aufgenommen.
Glucose wird zusammen mit Na+ im Verhältnis 1:2 durch den
Natrium/Glucose-Cotransporter 1 (SGLT1) importiert. Bei mäßigem, oral
behandelbarem Volumen- und Elektrolytverlust empfiehlt es sich daher,
nicht nur eine Elektrolytflüssigkeit zu geben, sondern Kohlenhydrate
oder Glucose zuzusetzen, da die Na+-Aufnahme so beschleunigt
wird. SGLT1 kann Glucose und Galactose über die apikale Enterozytenmembran
schleusen, nicht aber den Fünferring der Fructose. Fructose wird über
GLUT5 aufgenommen. Alle drei Monosaccharide verlassen den Enterozyten
auf der basolateralen Seite über GLUT2. Der Großteil der mit der
Nahrung aufgenommenen Kohlenhydrate erscheint im Blut in der Form von
Glucose. Wie rasch das geschieht und wie hoch die Glucosespitze tatsächlich
wird, hängt von der konkreten Zusammensetzung der Mahlzeit ab. Der glykämische
Index (GI, Glyx) ist der Versuch, diese Eigenschaft von Nahrungsmitteln
mit Hilfe einer einfachen Zahl auszudrücken. Der glykämische Index eines
Nahrungsmittels ist definiert als das Verhältnis des Integrals der Blutzuckerkurve
(area under the curve) über zwei Stunden
nach Verzehr jener Menge des Nahrungsmittels, die 50 g Kohlenhydrate
enthält, zum Integral der Blutzuckerkurve von 50g Glucose, multipliziert
mit 100. Glucose selbst hat damit einen GI von 100. Nahrungsmittel mit
hohem glykämischen Index, wie Weißbrot, Kartoffeln, die meisten Reissorten
und die typischen industriellen Frühstücksflocken liegen um 70 und darüber;
Nahrungsmittel mit niedrigem GI wie Vollkornprodukte, Molkereiprodukte
sowie das meiste Gemüse und Obst liegen um 55 und darunter. (Achtung:
in manchen, vor allem US-amerikanischen Tabellen, wird statt Glucose
Weißbrot als Standard verwendet, was zu anderen Zahlen führt). Dem GI
wird in vielen populären Diäten Bedeutung beigemessen, z. B. in der
Glyx-Diät, der South Beach-Diät etc. Ist das berechtigt? Die Aufnahme von Nahrungsmitteln
mit hohem GI führt zu einem raschen Anstieg des Blutzuckers, gefolgt
von einem entsprechenden Anstieg des Insulinspiegels. Dadurch wird in
den nächsten Stunden die Verbrennung von Kohlenhydraten zu Lasten der
Verbrennung von Fett gefördert, während überschüssige Glucose zu Fett
umgewandelt wird. In sorgfältig kontrollierten Tierversuchen, z. B.
mit Ratten, setzten Tiere unter hoher GI-Diät wesentlich mehr Fett an
als Tiere, die mit einer niedrig-GI-Diät gleichen Energiegehalts und
gleicher Nahrungszusammensetzung, inklusive gleicher Kohlenhydratmenge,
ernährt wurden. Im Gegensatz zu den niedrig-GI-Tieren entwickelten die
hoch-GI-Tiere auch Insulinresistenz. Ob diese Resultate auf
den Menschen übertragbar sind, ist in der wissenschaftlichen Literatur
heftig umstritten. Am Menschen können diese Experimente nicht mit derselben
Rigorosität durchgeführt werden. Veränderungen am GI einer komplexen
Diät ändern notwendigerweise auch Faktoren wie Ballaststoffgehalt, "Biss",
Zuckergehalt und damit deren Schmackhaftigkeit. Wir alle tendieren dazu,
mehr zu essen, wenn es uns schmeckt. Bestimmend für die Entwicklung
von Übergewicht bleibt die positive Energiebilanz; wenn überhaupt, spielt
der GI eine dieser Bilanz nachgeordnete Rolle. Um auf der sicheren Seite
zu sein, erscheint es bis zur endgültigen Klärung trotzdem sinnvoll,
in unserer Ernährung Nahrungsmittel mit niedrigem GI zu betonen. Praktische Umsetzung: Eine Umstellung auf niedrigen GI erreicht
man beispielsweise beim Frühstück, indem man Weißbrot oder Frühstücksflocken
durch Vollkornmüsli mit Joghurt und frischen Früchten ersetzt. Lactase ist eine der Disaccharidasen
am Enterozyten-Bürstensaum. Sie spaltet das Disaccharid Laktose in die
Monosaccharide Glucose und Galactose. Während das Enzym in Säuglingen
und Kleinkindern stark exprimiert wird, lässt die Expression im Lauf
des Lebens nach. Deswegen tendieren Erwachsene weltweit dazu, im Lauf
ihres Lebens Laktose-intolerant zu werden. Eine Ausnahme bilden die
Nachkommen von Populationen, die sich in ihrer Ernährung traditionell
stark auf Milchprodukte stützen, wie in Nordeuropa. Diese Art der Ernährung
übte einen Selektionsdruck aus, der Individuen bevorzugte, die in der
Lage waren, die Expression des Enzyms länger aufrecht zu erhalten. Das
erklärt, weshalb Laktose-Intoleranz häufig bei Menschen mit afrikanischer
oder asiatischer Abstammung vorkommt, aber selten in Skandinavien. In
Europa sind im Schnitt etwa 15% betroffen. Wenn Laktose nicht gespaltet
wird, kann sie von den Enterozyten nicht resorbiert werden. Durch den
osmotischen Effekt der Laktose, sowie durch sekundär veränderte Zusammensetzung
der Darmflora leiden betroffene Individuen unter Diarrhoe und Flatulenz
nach dem Genuss von Milchprodukten (Milch, Eis, Käse, Schokolade…). Die Kapazität des Fructose-Transporters
GLUT5 ist begrenzt und variiert von Individuum zu Individuum. Wird die
Transportkapazität überschritten, verursacht Fructose durch osmotischen
Effekt und bakterielle Verstoffwechselung wiederum Diarrhoe und Flatulenz.
Reich an Fructose sind Früchte, Honig und mit Maissirup industriell
hergestellte Lebensmittel. Ein hoher Prozentsatz der Menschen europäischen
Ursprungs leiden an dieser Fructose-Malabsorption. Davon zu unterscheiden
ist die sehr seltene hereditäre Fructose-Intoleranz, die durch eine
Defizienz des Enzyms Aldolase B verursacht wird. Aldolase B ist das
Enzym, das Fructose in der Leber in zwei Moleküle zu je drei Kohlenstoffatome
spaltet. Durch die Beliebtheit von
Saccharose, die Verwendung von Glucose-Fructose-Sirup (Maissirup mit
hohem Fructosegehalt) in der industriellen Nahrungsmittelherstellung
und die Zugabe von Fructose zu vielen Fertiggetränken weist unsere westliche
Ernährung einen hohen Fructoseanteil auf. Fructose wird nach der Aufnahme
im Darm von der Leber quantitativ aus dem Blut extrahiert und metabolisiert.
Das dazu benötigte ATP wird dabei zu AMP und zum Teil weiter zu Harnsäure
abgebaut. Es gib Hinweise, dass hoher Fructosekonsum so die Enstehung
von Gicht begünstigt. Ein Teil der von der Leber metabolisierten Fructose
wird in der Form von Glucose und Laktat ins Blut abgegeben, ein Teil
zur Fettsynthese verwendet. Bei Nagern führt fructosereiche Ernährung
zu Insulinresistenz. Eine lange wissenschaftliche Debatte wird darüber
geführt, ob das auch bei den tatsächlichen Fructosemengen, die der Mensch
konsumiert, der Fall ist. Während es möglich erscheint, das Fructose
auf Grund seiner ausschließlichen Verstoffwechselung in der Leber eine
hepatische Insulinresistenz begünstigt, ist eine solche wahrscheinlich
nur ein Teilaspekt eines allgemeineren Problems: wir nehmen zu viel
einfache Zucker zu uns, und das führt zu Gewichtszunahme, Lipotoxizität
und Insulinresistenz. 7. EISEN Eisen ist in vielen biologischen
Systemen ein limitierender Faktor. Menschen wie Tiere benötigen Eisen,
um Sauerstoff zu transportieren und gezielt zu verstoffwechseln, in
Hämoglobin, Myoglobin sowie in den Zytochrom-Enzymen. Etwa zwei Milliarden
Menschen, mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung, haben Eisenmangel;
etwa 500 Millionen leiden unter einer manifesten Eisenmangelanämie.
Auch Pilze und Bakterien benötigen Eisen und wenden mitunter viel Energie
und Ressourcen auf, um es zu bekommen. Ein Trick, mit dem unser Organismus
Infektionen bekämpft, ist, den Mikroorganismen das Eisen vorzuenthalten. Eisen aus der Nahrung wird
hauptsächlich im Duodenum absorbiert. In unserer Nahrung kommt es einerseits
in eine Hämgruppe integriert als Häm-Eisen, andererseits frei vor. Der
Großteil des Häm-Eisens stammt aus dem Myoglobin von Fleisch. Es wird
zusammen mit der Häm-Gruppe durch einen speziellen Transportprozess
aufgenommen und erst im Enterozyten freigesetzt. Dieser Prozess ist
effizienter als der Transport freien Eisens. Freies Eisen liegt in der
Nahrung dreiwertig (Fe3+) oder zweiwertig (Fe2+)
vor. Fe3+ ist über einem pH von 3 nicht löslich; es formt
stabile Komplexe mit verschiedenen Anionen und wird nicht resorbiert.
Fe2+ ist bis zu einem
pH von 8 löslich; es wird gemeinsam mit einem Proton durch den divalent metal transporter (DMT1) aufgenommen.
Insgesamt werden maximal 10%-15% des Nahrungseisens aufgenommen. Eisen-bindende
Tannine, z. B. im Schwarztee, oder der alkalische pH von Milchprodukten
reduzieren diesen Prozentsatz. Eisen wird durch den solute carrier Ferroportin aus dem duodenalen
Enterozyten ausgeschleust, ein Eisenexportprotein, das von allen Zellen
exprimiert wird. Da Fe2+ wegen seiner Fähigkeit, Hydroxylradikale
zu generieren, gefährlich ist, wird es während des Ausschleusungsvorgangs
durch das Kupfer-Protein Hephaistin in dreiwertiges Eisen übergeführt.
Als Fe3+ wird
es dann an Transferrin gebunden im Blut transportiert. Auch im Blut
gibt es ein Kupferprotein, Coeruloplasmin, das zweiwertiges in dreiwertiges
Eisen überführen kann. Wenn zelluläre Eisenspiegel
niedrig sind, wird die Aufnahme von Eisen aus dem Blut durch einen eleganten
Mechanismus angekurbelt. Die mRNA für den Transferrin-Rezeptor enthält
mehrere iron response elements
(IRE) in ihrer 3'‑untranslatierten Region (UTR), die charakteristische
stem-loop-Sekundärstrukturen bilden. Hat
die Zelle Eisenbedarf, werden diese Strukturen durch bestimmte Proteine,
IRE-binding proteins (IRE-BP) oder iron regulatory proteins (IRP), gebunden.
Diese Bindung in der 3'-UTR schützt die mRNA davor, durch RNasen abgebaut
zu werden, und sichert so eine hohe Expression des Transferrin-Rezeptors.
Sobald der intrazelluläre Eisenspiegel ausreichend angehoben ist, bindet
Fe2+ die iron regulatory
proteins und führt diese in eine Konformation über, die nicht mehr
an IRE binden kann. Dadurch wird die mRNA nun rasch abgebaut, sodass
weniger Transferrin-Rezeptormoleküle hergestellt werden und die Eisenaufnahme
in die Zelle reduziert wird. Iron response elements werden auch umgekehrt verwendet: in der Ferritin-mRNA
ist ein einzelnes IRE in der 5'UTR vorhanden, kurz vor dem Translations-Initiationscodon.
Bei niedrigen intrazellulären Fe2+-Spiegeln wird das IRE
durch IRP gebunden und die Translation dadurch blockiert (die mRNA-Stabilität
wird dadurch offensichtlich nicht beeinflusst). Hohe intrazelluläre
Fe2+-Spiegel entfernen das IRP, sodass aktive Translation
große Mengen dieses Eisenspeicherproteins produziert. Der Großteil des
Ferritins befindet sich intrazellulär; Plasmaferritin, das sich im Gleichgewicht
mit intrazellulärem Ferritin befindet, kann jedoch Auskunft über die
Eisenspeicher des Körpers geben. Ferritin-Speicherung eines Eisenüberschusses
findet hauptsächlich in der Leber statt. Die bis hier beschriebenen
Mechanismen sind zwar zunächst in der Lage, intrazelluläre Eisenspiegel
zu regulieren; durch dauernden Nachschub aus dem Darm würde der Organismus
aber mit der Zeit überladen werden. Daher ist die Leber der Ausgangspunkt
einer negativen Rückkoppelung. Aufnahme von Eisen über den Transferrin-Rezeptor
führt über Aktivierung des MHC-I-ähnlichen Transmembranproteins HFE
(high Fe) zur Induktion und
Sekretion des Signalpeptids Hepcidin. Dieses Peptid aus 25 Aminosäuren
bindet an den Eisenexporter Ferroportin und führt zu dessen Internalisierung
und Abbau. Wenn extrazelluläres Eisen hoch genug für eine effiziente
Eisenaufnahme ist, blockiert Hepcidin damit die Freisetzung von Eisen
aus allen Zellen, inklusive aus den duodenalen Enterozyten. Nach kurzer
Zeit wird die Duodenalzelle durch das intrazellulär akkumulierende Eisen
dazu gebracht, die weitere Eisenaufnahme aus dem Darm einzustellen. In einem zweiten regulatorischen
Mechanismus wird Hepcidin durch das Auftreten einer Entzündung reguliert.
IL‑6 und andere inflammatorische Zytokine induzieren bekanntlich
eine Akutphasenreaktion der Leber; diese beinhaltet auch eine Sekretion
von Hepcidin. In diesem Fall werden dadurch die Makrophagen, die viel
Eisen aus dem Abbau von alternden Erythrozyten, der Erythrophagozytose,
enthalten, dadurch gehindert, dieses Eisen abzugeben. In einem weiter
verstärkenden Mechanismus wird die Ferroportin-Expression der Makrophagen
direkt durch TLR4-Aktivierung sowie durch inflammatorische Zytokine
gebremst. Zusammen führen diese beiden Mechanismen dazu, dass Eisen
im retikuloendothelialen System sequestriert ("weggesperrt")
wird und damit den infizierenden Mikroorganismen nicht zur Verfügung
steht. Während einer akuten Infektion stellt dieser kurzfristige "interne
Eisenmangel" kein Problem dar. Bei einer chronischen Infektion,
wenn diese Sequestrierung über lange Zeit anhält, kann dieser Mechanismus
jedoch zu einer Eisenaushungerung der hämatopoetischen Vorläuferzellen
und damit zu einer "Eisenmangelanämie" trotz überladener retikuloendothelialer
Eisenspeicher führen. Eisenüberladung wirkt bald
toxisch. Sie tritt sekundär nach häufigen Transfusionen oder bei bestimmten
hämolytischen Anämien auf, oder primär als hereditäre Hämochromatose.
Der Großteil dieser Patienten (type 1) hat eine Mutation im HFE-Gen, und hier wieder der Großteil
eine bestimmte Mutation, Cys282Tyr. Der Defekt führt über eine unzureichende
Hepcidin-Expression zu einer ungehemmten Eisenaufnahme aus dem Darm,
was im Lauf der Jahre zu einer Eisenüberladung des Organismus mit Leberzirrhose,
Diabetes mellitus, Arthritis und starker Hautpigmentierung führt. Über
Hepcidin wird der Gesamteisenspeicher bei gesunden Erwachsenen zwischen
2-6g reguliert; im Rahmen einer Hämochromatose wächst dieser jährlich
um 0.5 bis 1 g, und kann schließlich bis zu 50 g betragen. Die Symptome
der Erkrankung manifestieren sich daher bei Männern meist erst jenseits
des 40. Lebensjahres, bei Frauen durch die Monatsblutungen in der Regel
überhaupt nicht. Die Therapie ist mittelalterlich einfach, aber effektiv:
Aderlass, bis die Eisenspeicher korrigiert sind. Die C282Y-Mutation
ist erst vor 1200-1400 Jahren in Nordeuropa entstanden und im Verhältnis
dazu in Menschen mit europäischen Wurzeln sehr häufig: etwa 10% sind
heterozygot, ca. 1 Person in 200 bis 400 homozygot. Klinisch erkrankt
jedoch auch bei Männern nur ein Teil der Homozygoten. Die Häufigkeit
dieser jungen Mutation lässt einen selektiv wirkenden Vorteil vermuten.
Frauen könnte sie erleichtern, die monatlichen Eisenverluste auszugleichen.
Makrophagen, die bei Erkrankten eisenentleert sind, könnten in diesem
Zustand leichter mit intrazellulären Erregern wie Mycobacterium tuberculosis und Salmonella
typhimurium fertig werden. 8. FOLSÄURE Folsäure kommt in vielen
Gemüsen vor, z. B. in Spinat, Salat, Bohnen, Broccoli; in Leber und
abgeleiteten Produkten sowie, wie dessen Anhänger selten zu betonen
vergessen, in Bier. Folsäure ist in der Tetrahydrofolat (THF)-form notwendig
für die Nucleotid-Synthese (Purine und Thymidin) und damit für alle
Gewebe mit hoher Proliferationsrate. Zusätzlich wird es für alle C1-Gruppentransfers
mit Ausnahme von Carboxylierungen, die Biotin-abhängig sind, benötigt.
Ein typisches Beispiel ist die Synthese von Methionin aus Homocystein.
Abhängig von der spezifischen Reaktion, wird THF in einer von mehreren
Formen benötigt: die Synthese von dTMP aus dUMP ist z. B. auf 5,10‑methylen-THF
angewiesen, die Methioninsynthese auf N5‑methyl-THF. Aus der Nahrung nehmen
wir Folat hauptsächlich in seiner Polyglutamatform auf. Im Duodenum
werden die Glutamatreste schrittweise von einer membranständigen Peptidase
abgespaltet. Monoglutamatfolat wird dann durch Austausch gegen ein Hydroxyl-Ion
(OH-) absorbiert. Folsäure wird hauptsächlich in der Leber
gespeichert. Sie wird zuerst zu Dihydrofolsäure (DHF), dann durch das
Enzym Dihydrofolatreduktase (DHFR) zur aktiven
Tetrahydrofolsäure reduziert, um anschließend durch Serin, das
dadurch zu Glycin wird, mit der C1-Gruppe beladen zu werden. Folsäuremangel führt zu
Problemen in allen rasch proliferierenden Geweben, wird aber klinisch
vor allem als Anämie sichtbar. Die Zahl der produzierten Erythrozyten
ist zu gering; in einem kompensatorischen Mechanismus werden sie dafür
mit möglichst viel Hämoglobin angestopft. Das macht sie allerdings wieder
anfälliger für den Abbau, da sie sich nicht so leicht durch die Spalträume
des Retikuloendothelialen Systems in der Milz quetschen lassen. Wir
sprechen von einer hyperchromen, makrozytären oder auch von einer megaloblastären
Anämie. Zellproliferation ist besonders
hoch in der Embryonal- und Fetalperiode. Folsäuremangel in dieser Phase
kann zu Neuralrohrdefekten wie Spina
bifida führen. Schwangere werden aus diesem Grund routinemäßig mit
Folsäure substituiert. Da Neuralrohrdefekte aber sehr früh in der Schwangerschaft
auftreten, wäre es für Frauen mit Kinderwunsch ratsam, schon vor der
Empfängnis ausreichend Folsäure zu sich zu nehmen. 9. VITAMIN B12 Eines der komplexesten
"kleinen" Moleküle unseres Körpers ist Vitamin B12 oder Cobalamin.
Bisher sind nur zwei Enzymreaktionen bekannt, für die dieses Koenzym
benötigt wird: die Synthese von Methionin und die "Entzweigung"
von Methylmalonat, das beim Abbau ungeradzahliger Fettsäuren und Aminosäuren
entsteht. Bei der Methioninsynthese arbeitet B12 mit N5‑Methyl-THF
zusammen, von dem es die Methylgruppe übernimmt. Vitamin B12 kann nur
von bestimmten Bakterien synthetisiert werden, wird jedoch von vielen
anderen Bakterien und allen Tieren, in Summe also einer enormen Nahrungskette,
gebraucht. Da es in Pflanzen nicht vorhanden ist, müssen wir es mit
tierischen Produkten aufnehmen: Fleisch, Fisch, Eiern, und in einem
geringeren Ausmaß auch mit Milchprodukten. Vitamin B12 wird nur im
Ileum absorbiert und muss bis dorthin vor Abbau im Verdauungstrakt geschützt
werden. Im sauren Milieu des Magens wird es zunächst durch das Protein
Haptocorrin (R-Protein) gebunden, das von Speicheldrüsen und Magenschleimhaut
sezerniert wird. Parietalzellen der Magenschleimhaut produzieren gleichzeitig
intrinsic factor (IF), ein Glycoprotein,
das B12 später im Duodenum übernimmt, wenn Haptocorrin durch Pankreas-Proteasen
abgebaut wird. Der B12:IF-Komplex ist in der tobenden Verdauungsschlacht
außerordentlich stabil. Im Ileum angekommen, wird der Komplex über Rezeptor-vermittelte
Endozytose aufgenommen. Dieser Prozess ist absolut IF-abhängig: freies
B12 wird vom Rezeptor weder gebunden noch aufgenommen. Im Enterozyten
dissoziiert der Komplex; B12 wird von Transcobalamin übernommen, das
auch für die Exozytose und den Transport zur Leber sorgt. Ein großer
Pool von Vitamin B12 besteht in der Leber und wird enterohepatisch rezirkuliert:
mit der Galle ausgeschieden und im Ileum wieder resorbiert. Wenn in einem der zahlreichen
Systeme, die zur Aufnahme von Vitamin B12 benötigt werden, ein Problem
besteht, wird zu wenig B12 resorbiert. Neben nahrungsbedingtem Mangel
bei strengen Vegetariern ist eine häufige Ursache ein Autoimmunreaktion
gegen Parietalzellen. Der Mangel wird schleichend wirksam, da in der
Leber eine mehrjährige Reserve besteht. Die Symptome sind die eines
Folsäuremangels. Fehlendes B12 blockiert auf die Dauer die Folsäurereserven
des Körpers in der N5‑Methyl-THF-Form, sodass zu wenig
5,10‑methylen-THF zur Verfügung steht. 5,10‑Methylen-THF
wird aber unbedingt für die Synthese von dTMP aus dUMP (Enzym: Thymidylatsynthase)
benötigt. Auch N10-Formyl-THF, das für die Synthese des Purin-Grundgerüsts
benötigt wird, ist zu wenig vorhanden. Dadurch ergibt sich dieselbe
Art von hyperchromer, makrozytärer Anämie wie bei Folsäuremangel. Weitere
mögliche Symptome sind eine charakteristische atrophe Glossitis und
neurologische Probleme, beginnend mit Polyneuropathie. In schweren Fällen
ist auch das ZNS betroffen mit Erinnerungsstörungen, Depression, Schwäche
und Ataxie. Für Schwäche und Ataxie sind hauptsächlich Entmarkungsherde
in Rückenmarksbahnen verantwortlich, auf die sich der Name des Krankheitsbildes,
funikuläre Myelose bezieht. Der pathophysiologische Mechanismus ist
hier nicht im Detail geklärt. 10. SELEN Betrachten wir Selen als
ein herausgegriffenes Beispiel für Spurenelemente. Selen steht mit Sauerstoff
und Schwefel in der sechsten Hauptgruppe; es reagiert also leicht und
nimmt gerne Elektronen auf, hat aber eine höhere Bereitschaft als Halogene,
diese auch wieder abzugeben. Es ist unabdingbar für einige wichtige
Redoxreaktionen, wie die Entgiftung von Peroxiden durch Glutathionperoxidasen,
sowie für die Aktivierung und Inaktivierung von Schilddrüsenhormon durch
Iodthyronin-Dejodinasen. Selen wird in Form einer besonderen Aminosäure,
der 21. Aminosäure, Selenocystein, in diese Enzyme eingebaut. In Selenocystein
nimmt Selen die Stelle des üblichen Schwefelatoms ein. Im genetischen
Code gibt es kein eigenes Codon für Selenocystein. Statt dessen kann
eines der drei Stop-Codons, UGA, mit Hilfe eines speziellen Translationsfaktors
als Selenocystein-Codon interpretiert werden, indem dieser an eine Signal-Schleifenstruktur
in der 3'‑UTR der Enzym-mRNA bindet. In den meisten Gegenden
ist es nicht nötig, sich über Selen Gedanken zu machen. Es gibt allerdings
einige definierte Regionen, besonders in China, in denen der Boden wenig
Selen enthält und die Nahrungszufuhr daher zu gering ist. Selenmangel
kann dort zur Keshan-Krankheit führen, die durch eine lebensgefährliche
Kardiomyopathie gekennzeichnet ist. 11. FETTSÄUREN Fettverdauung und –aufnahme wird im Skriptum
zur Funktion der Leber behandelt. Hier betrachten wir nur die Fettsäuren
vom ernährungswissenschaftlichen Standpunkt aus. Der Typ der enthaltenen
Fettsäuren hängt von der Herkunft der Nahrungsfette ab. Gesättigte Fettsäuren sind typisch für unser eigenes Depotfett, sowie
für das von Tieren wie Schweinen,
Rindern und Schafen. Fleisch und Milchprodukte wie Butter enthalten
daher in erster Linie gesättigte Fettsäuren. Beispiele sind Palmitinsäure
(16:0) und Stearinsäure (18:0). Ungesättigte
Fettsäuren enthalten mindestens eine Doppelbindung. Unser Organismus
ist in der Lage, einfach ungesättigte Fettsäuren wie Ölsäure (18:1)
zu synthetisieren, nicht aber mehrfach ungesättigte Fettsäuren (PUFA,
polyunsaturated fatty acids). PUFA werden von Pflanzen synthetisiert;
um leben zu können, müssen wir zumindest zwei davon mit der Nahrung
aufnehmen: Linolsäure (18:2) und α-Linolensäure (18:3), die wir
deshalb als essentielle Fettsäuren bezeichnen. Von diesen beiden ausgehend,
können wir andere PUFA wieder selbst herstellen. Bestimmte Pflanzenöle
entahlten besonders viele PUFA, z. B. Sonnenblumenöl oder Maiskeimöl.
Auch Fettfische enthalten reichlich PUFA, die ursprünglich in Algen
synthetisiert und durch die Nahrungskette angereichert werden. Es steht außer Zweifel,
dass das Gemisch an Fettsäuren, das wir mit der Nahrung aufnehmen, unsere
Gesundheit beeinflusst. Unser diesbezügliches Wissen stammt aus ernährungswissenschaftlichen
Studien, in denen der menschliche Organismus als black box behandelt wird: die Zusammensetzung
der Nahrung verschiedener Kohorten oder Populationen wird dabei korreliert
mit gemessenen Gesundheitsparametern. Die molekularen Mechanismen hinter
den Korrelationen bleiben dabei in der Regel im Dunkeln. Zwar wurden
zahlreiche Hypothesen formuliert, doch bleiben diese unzureichend geprüft. Die Diskussionen über Fettsäuren
konzentrieren sich auf zwei Bereiche: n-3/n-6- und Trans-Fettsäuren. Abhängig von der Distanz
der ersten Doppelbindung vom Methylende der Fettsäure aus, also "vom
hinteren Ende", fallen die meisten mehrfach ungesättigten Fettsäuren
in eine von zwei Gruppen:
Ausgangspunkt war die Beobachtung,
dass Grönländische Inuit nur sehr selten koronare Herzkrankheit entwickelten,
obwohl sie sich praktisch ausschließlich von fettreicher tierischer
Nahrung ernährten. Da sie in Form von Fettfisch hohe Mengen langkettiger
n-3 PUFA zu sich nahmen, wurde ein kausaler Zusammenhang postuliert.
Seither durchgeführte Kohortenstudien sowie randomisierte Interventionsstudien
mit Fischöl führten im Einzelfall zwar zu widersprüchlichen Ergebnissen;
das Gewicht der Daten spricht jedoch für eine Bestätigung dieses Zusammenhangs.
Ein hypothetisches Erklärungmodell besagt, dass die n‑6-Fettsäure
Arachidonsäure, Ausgangspunkt für die Synthese von Entzündungsmediatoren
und Thromboxan, mit n-3 PUFA um dieselben Enzyme kompetiert; höhere
n-3 PUFA-Spiegel würden daher zu weniger Entzündung in und weniger Plättchenaggregation
an der Arterienwand führen. Weitere potentiell gesundheitsfördernde
Wirkungen von n-3 PUFA werden für neurologische Erkrankungen, Depression
und Krebs diskutiert. Ungesättigte Fettsäuren
liegen in einer von zwei möglichen Konfigurationen vor: cis oder trans.
Cis bedeutet, das die Kohlenstoffketten auf derselben Seite der Doppelbindungsachse
liegen; die Fettsäure bekommt dadurch einen Knick. Dieser Knick hat
zur Folge, dass ein Bündel von Cis-Fettsäuren schwer zu "schlichten"
ist, während die kerzengeraden gesättigten Fettsäuren oder die nur ein
winziges Bajonett enthaltenden Trans-Fettsäuren viel leichter zu schlichten
sind. Mit anderen Worten: gesättigte und Trans-Fettsäuren, sowie komplexe
Lipide, die diese enthalten, haben einen relativ hohen Schmelzpunkt,
während Cis-Fettsäuren einen niedrigen Schmelzpunkt haben. So hat z.
B. die gesättigte C18-Fettsäure, Stearinsäure, einen Schmelzpunkt von
69°C, die mono-ungesättigte Trans-Fettsäure Elaidinsäure einen von 45°C,
während die entsprechende Cis-Fettsäure, Ölsäure, einen Schmelzpunkt
von nur 17°C hat. Bei einer Körpertemperatur von 37°C sind Lipide mit
cis-ungesättigten Fettsäuren daher "fluider" als solche mit
trans-ungesättigten Fettsäuren, die eher dazu tendieren, sich zusammenzulagern,
z. B. in der Wand von Koronararterien. Diese weniger fluiden Lipide
sind mit einem höheren Risiko für Atherosklerose, koronare Herzkrankheit
und Schlaganfälle assoziiert. Zusätzlich wurde beschrieben, dass Trans-Fette
das unerwünschte LDL-Cholesterol heben und das "gute" HDL-Cholesterol
senken. Also, wir wünschen mehr
Cis-Fette und weniger Trans-Fette. Woher kommen sie eigentlich? Cis-Fette stellen den Großteil pflanzlicher Fette dar. Nach ihrer Extraktion liegen
sie durch ihren niedrigen Schmelzpunkt bei Raumtemperatur flüssig, als
Öle vor. Beispiele sind Olivenöl (72% Ölsäure, 13% gesättigt), Rapsöl
(61% Ölsäure, 7% gesättigt, 4% Trans-Fette), Maiskeimöl
(60% Linolsäure, 25% Ölsäure, 15% gesättigt), und Sonnenblumenöl (67%
Linolsäure, 20% Ölsäure, 12% gesättigt). Die Prozentsätze sind nur Anhaltspunkte,
da die Zusammensetzung erheblichen Schwankungen unterliegt. Trans-Fette kommen in geringer Konzentration im Fett von Wiederkäuern vor. So kann Butter
bis zu 4% Trans-Fette enthalten. Aus den bisher erwähnten Gründen konsumierten
Menschen bis vor wenigen Jahrzehnten nur geringe Mengen an Trans-Fetten.
Das änderte sich mit der industriellen Nahrungsmittelproduktion. Pflanzliches
Öl ist billig zu gewinnen, doch oxidiert es leicht (es wird "ranzig"),
es ist schwerer zu transportieren und man kann es nicht aufs Brot streichen.
Also wurden Methoden entwickelt, Pflanzenfette zu härten (sprich: den
Schmelzpunkt hinaufzusetzen). Diese beruhen auf partieller Hydrierung.
Die Idee ist, einen Teil der Doppelbindungen mit Wasserstoff abzusättigen,
sodass teils gesättigte, teils ungesättigte Fettsäuren mit einer reduzierten
Anzahl an Doppelbindungen entstehen. Der Prozess hat jedoch den Nachteil,
dass er einen erheblichen Anteil der so behandelten Fettsäuren in die
trans-Konfiguration bringt. Im Grunde verwandeln wir damit gute Nahrungsfette
in schlechtere. Gehärtete Fette mit hohem Trans-Fett-Anteil haben andere
Fette in vielen Bereichen verdrängt, speziell in der industriellen Herstellung
von Backwaren, Knabbergebäck, Snacks und Fastfood. Den negativen gesundheitlichen
Aspekten von Trans-Fetten wurde über viele Jahre wenig Aufmerksamkeit
gewidmet. Während der letzten Jahre führte wachsendes Gesundheitsbewusstsein
allerdings in vielen Ländern zu Gesetzesinitiativen mit dem Ziel, die
Menge der Trans-Fette in industriell hergestellter Nahrung sowie in
Restaurant-Speisen stark zu reduzieren. 12. BEGINN DER PROTEINVERDAUUNG IM MAGEN Die Verdauung der Nahrungsproteine
beginnt in der "Mischmaschine" Magen durch das Zusammenwirken
von Säure und Pepsinogen. Für die Verdauung von Kohlenhydraten und Fetten
spielt der Magen nur eine geringe Rolle. Proteine sind relativ schwer
zu "knacken". Die Faltung schützt die meisten Proteine vor
dem Angriff durch Proteasen. Der erste Schnitt ist der schwierigste.
Ist der einmal gemacht, verlieren die entstehenden Bruchstücke einen
Teil dieser Faltung und können leichter weiter abgebaut werden. Sehr
hohe Protonendichte (der pH im Magen erreicht Werte um 1) denaturiert
(entfaltet) Teile der Proteine und ermöglicht so die ersten Schnitte.
Proteasen werden danach eingeteilt, welche chemische Gruppe sie verwenden,
um eine Peptidbindung aufzubrechen: so gibt es Serin-, Cystein-, Aspartat-
und Metalloproteasen. Die Aktivität von Endopeptidasen, die Peptidbindungen
im Inneren einer Aminosäurekette aufbrechen, ist von der Aminosäuresequenz
des Substrats abhängig. Pepsin ist eine Aspartat-Protease, die neben
hydrophoben Aminosäuren schneidet; besonders effizient nach Phenylalanin.
Um Proteine effizient abzubauen, wird daher eine Reihe von Proteasen
benötigt, die an verschiedenen Stellen schneiden. Die Bestandteile des Magensekrets
werden von den zahlreichen Drüsen der Magenschleimhaut sezerniert. In
die Epithelschicht sind unterschiedliche Zelltypen integriert. Nebenzellen
produzieren schützenden Schleim, Hauptzellen Pepsinogen, (neuro)endokrine
Zellen Signalmoleküle. Dazu gehören z. B. im Antrum G-Zellen, die das
Signalpeptid Gastrin produzieren, und D-Zellen, die Somatostatin sezernieren,
das der Gastrinproduktion entgegenwirkt. Stammzellen und deren noch
undifferenzierte Nachkommen, transit
amplifying cells, sorgen für Zellnachschub. Die Salzsäure wird von
Beleg- oder Parietalzellen gebildet. Belegzellen können auf
Stimulation ihre apikale Membranoberfläche durch Ausbildung intrazellulärer
Kanal-Labyrinthe mit Mikrovilli um den Faktor 50-100 vergrößern. Basis
der Salzsäureproduktion ist eine H+/K+-ATPase,
die Protonen im Austausch gegen K+ in das Lumen pumpt. K+
strömt durch K-Kanäle wieder ins Lumen zurück und Chloridionen folgen
durch Chloridkanäle. Die Protonen werden durch Aufnahme von CO2
und H2O in die Parietalzelle generiert, die durch Carboanhydrase
zu H+ und HCO3- umgesetzt werden. HCO3- verlässt die Zelle basolateral
durch Austausch gegen Chlorid. Netto resultiert die Abgabe von HCl in
das Magenlumen. Diese Sekretion wird durch Vagus-Neuronen über Acetylcholin,
sowie über Gastrin aus G-Zellen im Antrum angekurbelt. Diese beiden
Stimuli wirken einerseits direkt an den Parietalzellen, andererseits
indirekt, indem sie die Ausschüttung von Histamin aus neuroendokrinen
Zellen unter dem Epithel, den ECL-(enterochromaffin-like)
Zellen, bewirken. Parietalzellen rezipieren das Histamin über H2-Rezeptoren. Pharmakologische Querverstrebung: Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol binden kovalent
an Cysteine auf der Lumenseite der Pumpe und inaktivieren diese irreversibel.
Die Wirkung hält länger als einen Tag an, bis eine ähnliche Zahl neuer
Pumpenproteine nachproduziert wird. Kompetitive H2-Rezeptorantagonisten
wie Ranitidin bremsen die Säureproduktion ebenfalls, wurden aber durch
die Protonenpumpenhemmer weitgehend verdrängt. Pepsinogen ist das Produkt
der Hauptzellen. Es wird über eine Reihe von neuronalen und Hormonstimuli
freigesetzt, von denen Acetylcholin aus Vagus-Neuronen der wichtigste
ist. Pepsinogen benötigt Säure. Bei niedrigem pH spaltet es sich spontan
in ein N-terminales Peptid und das aktive Pepsin. Dieser Prozess wird
erst unter pH 3 effizient und dadurch positiv rückgekoppelt, dass
dann auch Pepsin selbst Pepsinogen spaltet. Pepsin ist eine Endopeptidase
mit pH-Optimum zwischen 1,8 und 3,5; darüber ist Pepsin inaktiv. Das
Produkt der Pepsinspaltung sind große Peptide, sogenannte Peptone, die
ihrerseits G-Zellen im Magenantrum zur Sekretion von Gastrin und I-Zellen
in der Duodenalschleimhaut zur Sekretion von Cholezystokinin anregen. Um die Aufgaben der Magensäure
zusammenzufassen: Säure erleichtert das Spalten von Peptidbindungen;
bei sehr niedrigem pH beschleunigt sich bereits die spontane Hydrolyse
von Peptidbindungen wesentlich. Säure bewirkt auch eine Denaturierung
der Proteine, die diese erst für Proteasen angreifbar macht. Schließlich
tötet die Magensäure den Großteil aller Bakterien ab und schützt uns
damit vor Infektionen. Diesen Vorteilen steht der Nachteil gegenüber,
dass Salzsäure (HCl) natürlich dieselben Wirkungen auf die Zellen der
Magenschleimhaut hat. Die einzige Möglichkeit, die Epithelschicht vor
schweren Gewebsschäden zu bewahren, ist der Schutz durch einen dauernd
erneuerten Schleimfilm mit neutralem Milieu. Schleimproduzierende Zellen
sitzen an der Oberfläche des Magens, in den Eingängen der Magendrüsen
und in den Drüsen selbst. Schleim besteht aus Tetrameren des Glycoproteins
Mucin, die lange sulfatierte Kohlenhydratketten binden, die einen großen
Wassermantel tragen. Dieser dauernd nachproduzierte Schleimteppich wird
durch HCO3- alkalisiert und bildet damit eine
neutralisierende Diffusionsbarriere für das Magenepithel. Der fließende
Teppich wird von unten ständig nachproduziert und von oben ständig verdaut.
Von den Schleimzellen produziertes HCO3- bleibt
in den Maschen gefangen; aktives Pepsin wird vom Maschenwerk draußen
gehalten. Die wenigen eindringenden Pepsinmoleküle werden durch den
höheren pH inaktiviert. Die Produktion von HCO3-
ist abhängig von lokal produziertem Prostaglandin E (PGE), das über
die Cyclooxygenase 1 (COX1) hergestellt wird. 13. GASTRITIS UND ULCUS VENTRICULI / DUODENI Eine Verminderung des Schutzwalles
mit oberflächlichen Erosionen finden wir bei der Gastritis. Beim Ulcus
ist die Schleimhaut lokal völlig durchbrochen. Dieser Substanzdefekt
in der Magenwand ist im sauer-proteolytischen Dauerbeschuss extrem schwer
zu schließen. Bis zur Entwicklung der Protonenpumpenhemmer und der Erkenntnis,
das die behandelbare Infektion mit Helicobacter
eine pathogenetische Rolle spielt, war es vielfach der einzige Ausweg,
den Großteil des Magens operativ zu entfernen. Helicobacter pylori ist säureresistent und kolonisiert besonders die
Schleimhaut des Antrums. Obwohl nur ein Teil der Träger Beschwerden
bekommt, ist H. pylori für
den Großteil der Magengeschwüre verantwortlich; an zweiter Stelle liegen
die NSAIDs, die weniger als ein Fünftel der Geschwüre auslösen. Der
Mechanismus ist noch nicht sicher geklärt. Die wahrscheinlichste Kausalkette
ist die folgende: die Infektion löst eine unterschwellige Entzündung
der Antrumschleimhaut aus, die in einem Teil der Infizierten stark genug
wird, um die Somatostatin-Produktion der D-Zellen zu reduzieren. Dadurch
ergeben sich stärkere Gastrin- und damit Säureproduktion. Pharmakologische Querverstrebung: Zwei extrem häufig zur Entzündungshemmung eingesetzte
Medikamentfamilien, Glucocorticoide und nicht-steroidale Entzündungshemmer
(NSAIDs), hemmen über unterschiedliche Mechanismen die Produktion
von PGE. Da dies auch in der Magen- und Darmschleimhaut geschieht, macht
der dadurch verminderte Schleimhautschutz Magenulcera und –Blutungen
zu gefürchteten Nebenwirkungen längerdauernder anti-entzündlicher Therapien.
Um diesem Effekt entgegenzuwirken, werden Protonenpumpenhemmer als "Magenschutz"
eingesetzt. Weiters wurden, um die in allen Zellen konstitutiv exprimierte
COX‑1 weniger zu beeinträchtigen, COX-2-Hemmer entwickelt, um
präferentiell diese in Makrophagen und anderen Entzündungszellen induzierbare
Isoform zu hemmen. Diese Entwicklung war nur teilweise erfolgreich,
da COX‑2-Hemmer zwar weniger Magen-belastend sind, doch eine verstärkte
Neigung zu atherothrombotischen Ereignissen mit sich bringen. 14. PROTEINVERDAUUNG UND –AUFNAHME Aus dem Magen werden kleine
Portionen Chymus (Speisebrei) vom Pylorus (Pförtner) in den Zwölffingerdarm
entlassen. Dieses Gemisch ist sauer und enthält das Resultat der Pepsinwirkung,
Peptone. Der niedrige pH stimuliert S-Zellen der Duodenalschleimhaut
zur Freisetzung von Sekretin, das Pankreasgangzellen zur Sekretion von
HCO3‑ stimuliert. Peptone
stimulieren I-Zellen im Duodenalepithel zur Freisetzung von Cholecystokinin
(CCK). CCK stimuliert den Gallefluss durch Kontraktion der Gallenblase
und regt die Bauchspeicheldrüse zur Freisetzung ihres Enzymcocktails
an. Gemeinsam führen Sekretin und CKK also zur Freisetzung der Pankreas-Verdauungsenzyme
in einem reichlichen Volumen alkalischen Sekrets, das den Speisebrei
neutralisiert. Im Duodenum wir die Proteinverdauung
durch eine Reihe pankreatischer Enzyme fortgesetzt, die ihr pH-Optimum
im leicht alkalischen Bereich haben. Diese werden ebenfalls als inaktive
Vorstufen sezerniert: Trypsinogen, Chymotrypsinogen, Proelastase, Proprotease
E sowie die Procarboxypeptidasen A und B. Trypsinogen wird durch das
Bürstensaum-Enzym Enteropeptidase (Enterokinase) durch Abspaltung eines
Peptids zu Trypsin aktiviert. Trypsin aktiviert sowohl weitere Trypsinogenmoleküle,
als auch die anderen Proteasen und Peptidasen. Trypsin ist eine Serinprotease,
die Aminosäureketten nach den basischen Aminosäuren Lysin und Arginin
spaltet. Das verwandte Chymotrypsin, ebenfalls eine Endopeptidase, spaltet
nach Phenylalanin, Tyrosin, Tryptophan und Methionin. Die Carboxypeptidasen
sind Exopeptidasen, knabbern also die Aminosäuren einzeln vom C-Terminus
ab. Das Resultat dieses Verdauungsvorgangs sind einzelne Aminosäuren
(etwa 30%) und Peptide aus wenigen Aminosäuren (70%). Den Rest besorgen die Enterozyten
des Dünndarms in zwei Stufen: durch zahlreiche Bürstensaum-Peptidasen
sowie zahlreiche cytosolische Peptidasen. Bürstensaum-Exopeptidasen
verkleinern die bestehenden Peptide zunächst weiter, und Transporter
für Tetra-, Tri- und Dipeptide (PepT1) sowie für einzelne Aminosäuren
sorgen für deren Aufnahme in Enterozyten, als Kotransport mit Protonen
oder Na+. Tetra-, Tri- und Dipeptide werden im Cytosol des
Enterozyten in einzelne Aminosäuren zerlegt und diese basolateral ins
Pfortaderblut ausgeschleust. Durch die bisher beschriebenen
Mechanismen werden nur Aminsäuren aufgenommen. In geringem Ausmaß werden
aber auch größere Peptide und komplexe Proteine durch das Epithel geschleust.
Dafür sind besonders die M-Zellen im Epithel über den Peyer-Plaques
verantwortlich (siehe Skript Immunologie).
Dies hat den Sinn, das Immunsystem über die Antigensituation im Darmlumen
zu informieren. 15. PANKREATITIS Mehr noch als das Magensekret
stellt das Pankreassekret eine biochemische Bombe dar. Diese ist gewöhnlich
sorgfältig gesichert. Proteasen werden als inaktive Vorstufen produziert.
Sie werden in sekretorischen Granula von anderen Zellbestandteilen ferngehalten.
In diese Granula werden Enzymhemmer mitverpackt: der Hauptschalter Trypsinogen
wird zusätzlich durch einen pankreatischen Trypsininhibitor gesichert,
der bis zu 10% "versehentlich" aktiviertes Trypsin abfangen
kann. Der Inhalt der Granula wird auf einen niedrigeren pH-Wert gebracht,
bei dem die Enzyme nicht aktiv sind. Trotzdem kommt es manchmal
zu einer Aktivierungskaskade noch im Pankreas, das sich dann prompt
selbst zu verdauen beginnt. Die häufigsten Auslöser sind Gallensteine,
die in der Papilla Vateri
stecken bleiben, und kräftiger Alkoholkonsum. Die Kausalkette von diesen
Auslösern zur akuten Pankreatitis ist noch unzureichend geklärt. Bei
Gallenkonkrementen schädigen die zurückgestauten Gallenbestandteile
die Pankreas-Zellmembranen, sodass diese permeabler werden. Es ist auch
möglich, dass durch eine Ventilfunktion etwas Duodenalinhalt mit aktiviertem
Trypsin in das pankreatische System zurück fließt. Auch bei Alkoholkonsum
kann die Stimulierung zu einem Stau führen, bei der die bereits in der
aktiven Form sezernierte Lipase die Membranen schädigt. Einige Polymorphismen erleichtern
die Entstehung einer Pankreatitis, die dadurch auch familiär auftreten
kann. Das Trypsinogen im Pankreassekret ist das Produkt mehrerer ähnlicher
Gene. Die Varianten können durch unterschiedliche Ladung elektrophoretisch
unterschieden werden. Die Mutation Arg122His in der Hauptvariante, dem
sogenannten kationischen Trypsinogen (Gen: PRSS1 für Protease, Serine, 1), führt dazu, dass einmal aktiviertes Trypsin
länger aktiv bleibt, da es durch ein anderes Trypsinmolekül nicht mehr
geschnitten werden kann. Ein solches Allel genügt; diese Form der Pankreatitis-Prädisposition
verhält sich daher autosomal dominant. Mutationen im Trypsininhibitor
(Gen: SPINK1 für Serine Protease
Inhibitor, Kazal-type 1) verhindern das Auffangen von autolytisch
aktivierten Trypsinogenmolekülen und verhalten sich autosomal rezessiv. Akute Pankreatitis kann
lebensbedrohlich sein. Die Aktivierung der Selbstverdauung führt zur
Freisetzung des Enzymcocktails und zur sekundären Aktivierung von Entzündungszellen
und Endothel im ganzen Körper. Folgen können disseminierte intravaskuläre
Koagulation, Hämolyse, Schock, Nierenversagen und acute respiratory distress syndrome (ARDS)
sein. Zystische Fibrose ist die
häufigste lebensbedrohliche genetische Erkrankung von Menschen Europäischen
Ursprungs; die Häufigkeit der autosomal rezessiven Erkrankung beträgt
etwa 1 in 2000. Der Name "zystische Fibrose" bezieht sich
auf die typische Zerstörung des Pankreasgewebes, die durch den Mangel
an Verdauungsenzymen zu schweren Ernährungsstörungen und frühem Tod
der Patienten führte. Seit die Enzyme oral substituiert werden können,
stellen Lungenerkrankungen das zentrale Problem dar. Eine zähe Schleimschicht
behindert den Transport durch das Flimmerepithel und stellt einen idealen
Nährboden für Infektionen mit Pseudomonas aeruginosa und Staphylococcus aureus dar. Zystische Fibrose wird
durch Mutationen im CF-Gen verursacht, das den cystic fibrosis transmembrane conductance regulator (CFTR) kodiert.
CFTR ist notwendig, um das HCO3‑-reiche
Pankreassekret zu erzeugen. Dabei ist CFTR eigentlich ein Cl--Transporter auf der apikalen
Membran des Pankreasgangepithels, doch wird das zunächst ausgeschleuste
Cl‑ gebraucht,
um es wieder gegen das intrazellulär befindliche HCO3‑ einzutauschen. CFTR
besteht aus zwei Transmembrandomänen mit benachbarten ATP-Bindungsstellen,
die eine intrazelluläre Domäne mit zahlreichen Phosphorylierungsstellen
für PKA und PKC umschließen. Die Aktivierung von PKA erfolgt via cAMP
durch Sekretin, jene von PKC über parasympathisches Acetylcholin. In
Summe aktivieren Verdauungsstimuli also die Produktion von HCO3‑–reichem Sekret über die Phosphorylierung von CFTR. Eine Mutation, ΔF508, ist für etwa zwei Drittel aller CF-Fälle verantwortlich. Die Deletion
von Phenylalanin 508 führt zu einer Fehlfaltung des Proteins, sodass
es rasch degradiert wird und gar nicht die apikale Membran erreicht.
Zahlreiche weitere Mutationen wurden in jeweils nur einem geringen Prozentsatz
der Patienten gefunden. Manche von diesen haben einen totalen, andere
nur einen teilweisen Funktionsausfall zur Folge. CFTR wird für die Funktion
vieler Epitheltypen benötigt. Der Ausfall von CFTR kann daher ein breites
Spektrum von weiteren Symptomen mit sich bringen, z. B. Mekoniumileus
bei Neugeborenen, Nasennebenhöhlenentzündungen, Infertilität, sekundären
Diabetes oder biliäre Zirrhose.
Zöliakie wird auch als
Gluten-sensitive Enteropathie oder, heute selten, als Sprue bezeichnet.
Die Darmerkrankung kann in genetisch prädisponierten Individuen durch
bestimmte Proteine aus Weizen, Roggen oder Gerste ausgelöst werden.
Hafer wird von den meisten Patienten toleriert, ist aber häufig mit
anderen Getreiden kontaminiert. Mais und Reis sind unproblematisch.
Mit einer Prävalenz von 0,5 bis 1% ist die Erkrankung bei Kaukasiern
häufig; sie ist weniger häufig bei anderen Populationen. Erinnern wir
uns: Getreide ist erst seit etwa 15.000 Jahren ein wesentlicher Teil
der menschlichen Ernährung. Die Nomenklatur von Getreideproteinen
ist für Nichtexperten ziemlich verwirrend. Um die Keimung zu ermöglichen,
enthält ein Getreidekorn Kohlenhydrate (in Form von Stärke) und Aminosäuren
(in Form von Speicherproteinen). Stärke sowie ein Teil der Proteine
sind wasserlöslich. Das Gemisch der nicht-wasserlöslichen Proteinfraktion
wird als Gluten bezeichnet, abgeleitet vom lateinischen Wort gluten, für Klebstoff. Die in Alkohol lösliche
Subfraktion dieser Glutenproteine
werden Prolamine genannt, weil sie viele Proline und Glutamine enthalten.
Prolamine haben in den einzelnen Getreidesorten unterschiedliche Namen:
in Weizen werden sie Gliadine genannt, in Gerste, Hordeine und in Roggen,
Secaline. Weizen ist die in unserer Ernährung vorherrschende Getreidesorte;
daher spielen Gliadine, von denen es α/β-, γ- und ω‑Formen
gibt, die größte Rolle. Da unsere Verdauungsproteasen
Peptidbindungen neben Glutamin und Prolin nur unzureichend schneiden,
sind Gliadine widerstandsfähig gegen enzymatische Verdauung im Darm.
Der Verdauungsprozess resultiert daher in typischen Peptidfragmenten,
die z. B. die Größe von 10-35 Aminosäuren haben. In prädisponierten
Personen lösen diese Peptidfragmente auf zwei Arten Immunreaktionen
aus. Gliadinpeptide haben direkte
Wirkungen auf Enterozyten, über erst zum Teil aufgeklärte Mechanismen.
Manche Gliadin-Peptide haben eine gewisse Affinität zum Chemokinrezeptor
CXCR3. Aktivierung von CXCR3 führt zur Sekretion von Zonulin (Prä-Haptoglobin 2),
einem Protein, das die tight junctions
durchlässiger macht, sodass mehr Gliadinpeptide die Epithelschranke
überwinden können. Zudem können so durch Gliadinpeptide CXCR3-exprimierende
Lymphozyten angezogen werden. Gliadinpeptide stimulieren
Enterozyten auch zur Sekretion von IL‑15 und zur Expression von
MICA, einem MHC-I-verwandten Transmembranprotein. IL‑15 stimuliert
intraepitheliale Lymphozyten zur Expression von MICA-Rezeptor NKG2D.
Über diesen nicht-adaptiven Mechanismus töten die Lymphozyten Epithelzellen,
sodass die Darmwand noch durchlässiger wird. Überdies führt der Mechanismus
mit der Zeit zu einer Reduktion der Zahl an Enterozyten und damit zu
einer Schleimhautatrophie. Ein zweiter Mechanismus
beruht darauf, dass das ubiquitär exprimierte Enzym Gewebstransglutaminase
(tissue transglutaminase, tTG) Glutamin
zu Glutaminsäure umwandelt. Die desaminierten, nun negativ geladenen
Gliadinfragmente werden präferentiell in den Peptidbindungsspalt bestimmter
MHC-II-Moleküle eingebaut und so präsentiert. Die dazu geeigneten MHC-II-Moleküle
sind Varianten von HLA-DQ2 (Heterodimere,
die von DQA1*05 und DQB1*02-Allelen stammen) oder HLA-DQ8 (Heterodimere
von DQA1*03 und DQB1*0302-Allelen). Diese Allele sind sehr häufig; ihr
Vorhandensein in einem Individuum bedeutet nicht, dass eine Zöliakie
zu erwarten ist, doch sind andere DQ-Typen offensichtlich nicht in der
Lage, dieselbe Funktion auszuüben. Antigen-präsentierende Zellen (APC)
präsentieren die desaminierten Gliadinpeptide naiven CD4-positiven T-Zellen
und aktivieren diese. Die T-Zellen differenzieren hauptsächlich zu TH1-Zellen,
die IFNγ produzieren und Makrophagen aktivieren. Damit lösen sie
eine chronische Entzündung der Darmwand aus. Da diese Mechanismen eine
zelluläre Immunreaktion darstellen, handelt es sich um eine Form der
Typ IV-Überempfindlichkeitsreaktion. Gemeinsam führen die beiden
Mechanismen zu einem Verlust reifer Enterozyten, der durch verstärkte
Proliferation der transit amplifying-Vorläufer
in den Krypten nur unzureichend wettgemacht werden kann. Die diagnostische
Dünndarmbiopsie zeigt demgemäß Villusatrophie, Kryptenhyperplasie und
eine große Zahl an intraepithelialen Lymphozyten. Vor der Biopsie empfehlen
sich Laboruntersuchungen auf IgA-Antikörper gegen Gewebstransglutaminase
(tTG) sowie auf Antikörper gegen desaminiertes Gliadin. Diese Antikörper
sind nach gegenwärtigem Wissen eine Nebenerscheinung, keine Krankheitsauslöser.
Gewöhnlich kommen keine tTG-spezifischen T-Helferzellen vor- sie sollten
auch nicht vorkommen, da tTG ja ein normales Selbst-Molekül ist. Die
entsprechenden B-Zellen bekommen ihre Hilfe von Gliadin-spezifischen
Helferzellen, wenn B-Zellen mit einem tTG-spezifischen B-Zell-Rezeptor
einen Komplex aus tTG und Gliadin internalisieren und in der Folge selbst
ein Gliadinpeptid auf ihren DQ-Molekülen präsentieren. Gliadin-spezifische
T-Zellen geben also die Hilfe zur Produktion eines tTG-spezifischen
Autoantikörpers. Zöliakie kann in jedem
Alter und in sehr verschiedener Intensität beginnen, und zeigt oft uncharakteristische
Symptome. Das Defizit an funktionellen Enterozyten kann schleichend
zu Mangelernährung führen, z. B. in Hinsicht auf Eisen oder einzelne
Vitamine. In voller Ausprägung führt Zöliakie zu chronischen Durchfällen
mit starker enteraler Gasbildung, Gedeihstörungen und Gewichtsverlust. 18. INFLAMMATORY BOWEL DISEASE Eine ungerechtfertigte
oder überschießende Aktivierung des Immunsystems in der Darmwand ist
das gemeinsame Merkmal zweier Erkrankungen, Morbus
Crohn und Colitis ulcerosa, die unter der Bezeichnung inflammatory bowel disease (IBD) zusammengefasst
werden (die direkte deutsche Übersetzung, "entzündliche Darmerkrankung",
hat nicht dieselbe begriffliche Bedeutung). Bei vielen Ähnlichkeiten
unterscheiden sich die beiden Erkrankungen in der Lokalisation und in
der Eindringtiefe des entzündlichen Geschehens. Colitis ulcerosa ist
auf Rektum und Colon begrenzt und betrifft nur Mucosa und Submucosa;
Perforationen sind selten. Morbus Crohn kann dagegen jeden Abschnitt
des Gastrointestinaltrakts befallen. Häufig betrifft er mehrere Abschnitte
zugleich, z. B. terminales Ileum und Rektum, mit einem Entzündungsprozess,
der in der Regel die gesamte Darmwand einbezieht. IBD ist allem Anschein
nach eine überschießende Immunreaktion gegen Teile der Darmflora. In
diesem Sinn ist es keine Autoimmunerkrankung, da kein Autoantigen vorliegt.
Andererseits könnten wir unsere Darmflora mit einiger Berechtigung als
Teil unseres "weiteren Selbst" betrachten, da wir dafür unter
normalen Umständen Immuntoleranz entwickeln. Bei Patienten mit IBD hat
dieser Tolerisierungsprozess nicht ausreichend funktioniert. Dieser mangelnden Tolerisierung
wird offensichtlich durch bestimmte Allele polymorpher Genloci Vorschub
geleistet. Bei vielen IBD-Patienten ist die Barrierefunktion des Darmepithels
beeinträchtigt. Während der innere Zusammenhang noch nicht geklärt ist,
findet man bei Patienten mit bestimmten NOD2-Allelen, dass die tight junctions zwischen Enterozyten durchlässiger
sind als gewöhnlich. Erinnern wir uns: NOD2 ist ein intrazellulärer
pattern recognition receptor für PAMPs
(pathogen-associated molecular patterns)
aus der Bakterienzellwand. Patienten mit spezifischen Allelen anderer
Gene produzieren geringere Mengen an Defensinen, antibakteriell wirkenden
Peptiden, die z. B. von Paneth-Zellen am Boden der Krypten freigesetzt
werden. Zusammengefasst wurden mehrere polymorphe Loci identifiziert,
welche die Gemeinsamkeit haben, dass sie das Eindringen vermehrten bakteriellen
Materials in die Darmwand plausibel erscheinen lassen. Zellen des adaptiven Immunsystems
reagieren auf dieses bakterielle Material. Dendritische Zellen aktivieren
naive T-Zellen zu TH1 und TH17-Zellen. TH17-Zellen verstärken frühe
nicht-adaptive Abwehrmechanismen, z. B. die Rekrutierung von neutrophilen
Granulozyten. Granulozyteninfiltrate mit Kryptenabszessen sind typisch
für Morbus Crohn. Makrophagen werden sowohl durch PAMPs direkt, als
auch durch TH1-Zellen via IFNγ aktiviert. Durch Makrophagen und
TH1-Zellen sezerniertes TNFα trägt durch Induktion von Proteasen
zur Gewebsdestruktion bei, und die Proteasen schädigen ihrerseits die
tight junctions des Epithels. In einem
Circulus vitiosus verstärken also unspezifische
und adaptive Abwehrmechanismen die Durchlässigkeit des Darmepithels. Pharmakologische Querverstrebung: Anti-TNFα-Therapie hat einen positiven Effekt
bei fistelbildendem Morbus Crohn. Umweltfaktoren haben ebenfalls
einen Einfluss. In einer Parallele zur Allergie weisen Populationen,
die bestimmten Infektionen weniger ausgesetzt sind, eine höhere Morbidität
durch IBD auf. Die Hygienehypothese postuliert eine Notwendigkeit für
Infektionen zur Etablierung eines normalen Toleranzniveaus. Es gibt
Tiermodelle, bei denen Wurminfektionen die Entstehung von IBD verhindern
oder das Krankheitsbild abschwächen. Passend zu dieser Hypothese steigt
die Häufigkeit von IBD weltweit an, mit der höchsten Prävalenz in Europa,
Nordamerika und Australien. Überschießende Immunreaktionen
zeigen sich auch in extra-intestinalen Manifestationen, wie z. B. Erythema nodosum, Polyarthritis migrans, Sacroileitis, Morbus Bechterew, Uveitis oder
Cholangitis. Die Krankheitserscheinungen
sind abhängig von Lokalisation und Intensität und sehr variabel. Morbus
Crohn beginnt häufig mit mäßigem Durchfall, Bauchschmerzen und Fieber
und kann so eine Appendizitis vortäuschen. Colitis ulcerosa, die Rektum
und anschließende Teile des Colons befällt, beginnt oft mit Krämpfen
im Unterbauch und blutig-schleimigen Durchfällen. Beide Erkrankungen
tendieren dazu, in jungen Jahren zu beginnen und zeigen einen chronischen,
durch wiederkehrende Episoden gekennzeichneten Krankheitsverlauf. *** |