KREBSENTSTEHUNG
Dieses Skriptum ist eine Lernhilfe zu meinen
Vorlesungen an der Medizinischen Universität Innsbruck im Modul
"Tumoren" sowie der Spezialvorlesung "Onkogene und Antionkogene".
Druckerfreundlich ist die pdf-Version.
Eine auf diesem Skript basierende, vollständigere Version findet sich
als Kapitel 13, Maligne Neoplasien, im Lehrbuch "Pathophysiologie",
herausgegeben von S. Schwarz et al., Maudrich, Wien 2007.
Ich möchte alle Studierenden ermutigen, sich
eine gute Basis an medizinischem Englisch zu erarbeiten und stelle das
Skriptum daher auch in einer Englischen
Version zur Verfügung.
Version
3.2 ©Arno Helmberg 2000-2011
Der menschliche Organismus
stellt eine Gesellschaft von Zellen dar. Mitglieder haben Aufgaben,
wie in jeder funktionierenden Gesellschaft, und müssen sich an Regeln
halten. Die Erledigung von Aufgaben und das Befolgen von Regeln werden
durch Genexpression implementiert. Maligne Neoplasien entstehen durch
Verlust dieser Regeln durch genetische und epigenetische Veränderungen
in individuellen somatischen Zellen. Die typische maligne Zelle entsteht
schrittweise in einem "Mikroevolutionsprozess", der über Jahre
zu einer Akkumulation von 5 bis 10 kritischen Veränderungen in einer
spezifischen Zelle führt. Jede dieser Veränderungen, die hauptsächlich
Gene für Zellteilungsregulation, Apoptoseregulation und DNA-Reparatur
betreffen, führt zu einem Verlust weiterer Regeln und damit zu einem
weiteren Selektionsvorteil der betroffenen Zelle gegenüber den Nachbarzellen,
bis ein "gesetzloser" Zellklon entsteht, der den Gesamtorganismus
gefährdet.
1.
NORMALE WACHSTUMSREGULATION: PROTOONKOGENE
Unter welchen Bedingungen
proliferieren Zellen?
Betrachten wir zunächst einen einfachen, einzelligen
Organismus, z. B. eine Hefezelle, die wir in eine Umgebung mit optimalen
Umweltbedingungen setzen und mit reichlich Nährstoffen, Sauerstoff,
kurz allem, was die Zelle benötigt, versorgen. Was geschieht? Die Zelle
wird sich selbst so lange replizieren, wie die Umweltbedingungen das
zulassen.
Mit
der Evolution der Vielzeller ergab sich daher ein Dilemma: Einerseits
ist es für die Funktion des vielzelligen Organismus notwendig, dauernd
für die Zellen günstige Bedingungen
aufrecht zu erhalten; z. B. ein ausreichendes Zucker- und Sauerstoffangebot.
Andererseits müssen die Zellen jedoch daran gehindert werden, durch
unkontrollierte Proliferation die Organisation des Gesamtorganismus
zu sprengen. Die Vielzelligkeit bedingte daher völlig neue Mechanismen,
um die bis dahin im Wesentlichen von der Nährstoffsituation abhängige
Zellteilung zu regulieren. Ein aus Zellen mit begrenzter Lebenszeit
bestehendes Gewebe konstant zu erhalten, ist bereits eine komplexe Aufgabe.
Doch das statische Aufrechterhalten genügt noch nicht: die Gesamtmasse
der die Funktion erfüllenden Zellen muss zusätzlich den wechselnden
physiologischen Erfordernissen angepasst werden. Die Gesamtmenge der
Erythrozyten z. B. sollte unter gleich bleibenden Lebensumständen —berufliche
Tätigkeit in Mitteleuropa— konstant bleiben, bei einem Aufenthalt in
größeren Höhen aber gesteigert werden können.
Wie ist ein solches Problem zu lösen?
Während
analoge Fragen für die meisten Gewebe noch nicht beantwortbar sind,
sind für Erythrozyten die Grundzüge der Regulation erforscht. Die elegante
Lösung besteht in einem Regelkreis, in dem ein Absinken des Sauerstoffpartialdrucks
(pO2) in der Niere die Neubildung der Erythrozyten im Knochenmark
stimuliert. Nierenzellen exprimieren, wie die meisten Zellen, einen
Transkriptionsfaktor, HIF-1 (hypoxia inducible factor), der normalerweise
so rasch abgebaut wird, dass das Protein kaum nachweisbar ist. Voraussetzung
für diesen raschen Abbau durch den Ubiquitin-Proteasom-Weg (siehe unten)
ist die Hydroxylierung von HIF-1 durch eine Prolyl-Hydroxylase. Diese
Oxidierung benötigt Sauerstoff, und das Enzym ist so ausgelegt, dass
es bei normalem pO2 gerade noch funktioniert. Sobald der
pO2 in der außerordentlich stark durchbluteten Niere unter
den Normalwert sinkt, funktioniert die Prolyl-Hydroxylase nicht mehr.
HIF-1 wird nicht hydroxyliert und damit auch nicht mehr abgebaut; es
akkumuliert im Kern und bindet an seine Erkennungssequenz in den Promotoren
mehrerer Gene, darunter das Gen für Erythropoetin. Der Mechanismus setzt
also einen geringen Abfall der Sauerstoffkonzentration in die Ausschüttung
des Signalmoleküls Erythropoetin um.
Erythropoetin
erhöht die Proliferationsrate von erythropoetischen Vorläuferzellen
(colony
forming units CFUE und burst forming units BFUE)
der erythrozytären Entwicklungsreihe im Knochenmark. Damit das extrazelluläre
Signalmolekül den Prozess der Zellteilung beeinflussen kann, sind eine
Reihe von charakteristischen Schritten nötig, die zu einer Veränderung
der Genregulation und zu einer Veränderung der Zusammensetzung und der
Aktivität der Zellzyklus-regulierenden Proteine führen. Das Prinzip
dieser Signalumsetzung ist für alle proliferationsfördernden Signalproteine
(Wachstumsfaktoren) gleich; die daran beteiligten Proteine und Gene
sind kritisch für die Krebsentstehung.
Im
spezifischen Fall der erythrozytären Stammzellen führt die Bindung von
Erythropoetin zur Dimerisierung zweier Erythropoetinrezeptoren, deren
intrazelluläre Domäne jeweils mit einer Janus-Kinase, JAK2, assoziiert
ist. Die beiden JAK2-Moleküle phosphorylieren zunächst einander, dann
mehrere Tyrosin-Seitenketten des EPO-Rezeptors als auch neu hinzukommende
Proteine, die diese phosphorylierten Tyrosine binden. Eines dieser Proteine
ist ein Mitglied der STAT-Familie (signal transducer and activator of transcription),
STAT5. Phosphorylierte STAT5-Moleküle bilden ihrerseits Dimere und wandern
in den Kern, wo sie direkt an DNA binden und die Transkription von Genen
aktivieren, die die Proliferation fördern, z. b. die Gene für den Transkriptionsfaktor
c-Myc sowie ein Molekül namens "Cyclin D". Durch die Steigerung
der Erythrozytenproduktion steigt schließlich der Hämatokrit, bis der
pO2 wieder ausreicht, um HIF-1 effizient abzubauen. Der Regelkreis
ist damit geschlossen.
An diesem Beispiel wird
ein allgemein gültiges Prinzip klar: Proliferation erfolgt nicht einfach
aufs Geratewohl, sondern genau geregelt und erst, wenn Bedarf nach neuen
Zellen besteht. Dieser Bedarf wird meist von anderen Zellen gemessen
und durch ein Signalmolekül denjenigen Zellen mitgeteilt, die durch
Proliferation den Bedarf decken können.
Teilung
versus Differenzierung
Am Beispiel der Erythropoese ist die Aufteilung der
Zellen eines Gewebes in zur Proliferation befähigte Zellen –Stamm- und
Vorläuferzellen im Knochenmark-- und nicht mehr zur Proliferation befähigte
"Arbeitszellen" –Erythrozyten-- leicht ersichtlich. Dasselbe
Prinzip gilt für die meisten Gewebe des Körpers. Im Darmepithel sitzen
die Stammzellen beispielsweise am Boden der Krypten; die transit amplifying cells schließen nach
oben hin an. Nur ein geringer Anteil an Zellen eines Gewebe sind zur
Proliferation fähig: die Stammzellen und wenige nachfolgende Zellgenerationen.
Wird Proliferationsbedarf durch entsprechende Signalmoleküle angezeigt,
teilen sich Stammzellen "asymmetrisch": eine der beiden Tochterzellen
ist ein wenig differenzierter, während die andere Tochterzelle ein genaues
Abbild der Mutterzelle ist. Damit bleibt der Stammzellpool erhalten.
Stammzellen teilen sich so selten wie möglich; die nachfolgenden Zellgenerationen,
als transit amplifying cells bezeichnet, teilen
sich wesentlich rascher.
Im
Knochenmark bilden sich aus diesen differenzierteren Tochterzellen unter
Einfluss des Musters an vorhandenen Signalmolekülen determinierte colony
forming units, die sich nur mehr in eine der hämatologischen Zellarten
entwickeln können. Auch die Teilungsaktivität dieser Vorläuferzellen
wird wesentlich von Wachstumsfaktoren beeinflusst. Erythropoetin beispielsweise
entfaltet seine Wirkungen auf dieser Ebene. Von der Gesamtheit der teilungsfähigen
Zellen spricht man als Proliferationsspeicher. Nach mehreren, doch strikt
limitierten (10-15) Generationen von expandierenden Vorläuferzellen
zunehmender Differenzierung erreichen die Zellen das Stadium der "terminalen
Differenzierung" und verlieren die Fähigkeit, zu proliferieren.
Die Zellen reifen von da an nur mehr aus und werden in ihrer Gesamtheit
als Reifungsspeicher bezeichnet. Aus einer durch die Teilung einer Stammzelle
hervorgegangenen transit amplifying
cell entsteht also ein großer, aber kurzlebiger Zellklon, der zur
Ausbildung von teilungsunfähigen "Arbeiterzellen" führt. In
diesem Zellklon neu auftretende Mutationen haben geringe Bedeutung,
da diese Zellen nur beschränktes Teilungspotential und beschränkte Überlebenszeit
haben. Erythrozyten überleben etwa drei Monate, Darmepithelzellen nur
wenige Tage.
Aufgrund der Notwendigkeit
der Akkumulation von mehreren Mutationen zur Ausbildung einer malignen
Zelle, ein Prozess, für den eine lange Reihe von Zellteilungen notwendig
erscheint, nimmt man an, dass das initiale Mutationsereignis für viele
Neoplasien auf Stammzellniveau zu suchen sein muss. Das Tumorgewebe
behält dabei meist durchaus die Aufgabenteilung in Stammzellen, transit amplifying cells und mehr oder weniger differenzierte Zellen
bei.
Mehrere Mechanismen schützen
Stammzellen so gut es geht, sodass sie so wenig wie möglich Mutationen
ansammeln. Durch die so selten wie möglich erfolgende Teilung werden
so wenig DNA-Replikationen wie möglich in Serie geschaltet. Um den Kontakt
mit Mutagenen zu minimieren, sitzen Stammzellen in anatomisch geschützten
Nischen: hämatopoetische Stammzellen im Knochen, wo ionisierende Strahlung
am schwersten hingelangt; Stammzellen der Haut am Schaft des Haarfollikels,
so weit wie möglich vom Hauptmutagen der Haut, den UV-Strahlen, geschützt;
Darmepithel-Stammzellen am Boden von Krypten, so weit wie möglich und
durch Schleimpfropfen von Mutagenen im Darmlumen geschützt. Stammzellen
verfügen auch über eine erhöhte Pumpleistung, um potentielle Mutagene
besonders effizient wieder aus der Zelle hinauszupumpen: das MDR1-Gen,
das die Membranpumpe P-Glykoprotein kodiert, wird in Stammzellen besonders
stark exprimiert. Manche Stammzellen, z. B. jene im Darm, haben eine
gesenkte Apoptoseschwelle. Eine DNA-Schädigung in einer Darm-Stammzelle
führt dazu, dass diese sofort in Apoptose geht. Die Logik ist offenbar:
lieber eine Stammzelle weniger, als das Risiko einer mutierten Stammzelle
einzugehen. Diese Besonderheit führt zu Problemen bei einer Strahlentherapie:
wird eine Darmschlinge bestrahlt, gehen alle Stammzellen in diesem Bereich
gleichzeitig in Apoptose, und wenige Tage später entsteht eine Nekrose
mit Durchwanderungsperitonitis. Schließlich gibt es Hinweise, dass über
einen noch unverstandenen Mechanismus der Original-DNA-Strang wie ein
Erbstück in der Stammzelllinie weitergegeben wird. Die Semikonservative
Replikation der DNA bedeutet, dass Mutationen eher im neuen Strang durch
Fehleinbauten auftreten. Wenn die neuen Stränge systematisch an die
transit amplifying Töchter weitergegeben werden und die Originalstränge
systematisch an die Stammzell-Töchter, bedeutet das eine Minimierung
des Mutationsrisikos in der Stammzellinie.
Zellteilung
ist ein Programm, das das An- und Abschalten vieler Gene beinhaltet
Wenn sich eine zur Proliferation fähige Zelle dazu "entschlossen"
hat, sich zu teilen, bedeutet das, dass der innere Zustand der Zelle
ziemlich umgekrempelt wird. Viele Gene, die in der G0/G1-Phase aktiv
waren, müssen abgeschaltet, andere dafür angeschaltet werden.
Beispiele für Gene, die angeschaltet werden müssen, sind alle
jene, die speziell für DNA-Replikation und Mitose gebraucht werden.
Vom
Signalmolekül zur Änderung der Genexpression: Protoonkogen-Klassen
Die Information, die in Form eines Signalmoleküls von außen kommt, kann
nur über mehrere Molekül-Stationen in eine geänderte Genexpression und
Entscheidungen über Proliferationsverhalten umgesetzt werden. Moleküle,
die diese Funktionen wahrnehmen, sind anfällig dafür, durch Mutationen
zu aktiven Onkogenen verändert zu werden. In ihrem normalen, physiologischen
Zustand werden sie als Protoonkogene ("Vor-Onkogene") bezeichnet
und funktionieren als:
Klasse I: Wachstumsfaktoren
Klasse II: Rezeptoren für Wachstumsfaktoren
Klasse III: Signaltransduktionsmoleküle
Klasse IV: Transkriptionsfaktoren
Klasse V: Bestandteile der Zellzykluskontrollmaschinerie
Prinzip der Protoonkogen-Aktivierung:
eine Mutation täuscht das Vorhandensein eines Wachstumssignals vor
An einer Signal-Transduktionskette für einen Wachstumsfaktor kann das
Prinzip der Onkogenaktivierung durch eine Mutation besonders gut demonstriert
werden. Physiologischerweise werden die Moleküle dieser Kette an- oder
abgeschaltet: in Abwesenheit des Wachstumsfaktors bleiben sie inaktiv;
erst durch den Wachstumsfaktor werden sie aktiviert. Das Wesen der Onkogenaktivierung
liegt darin, dass eine Mutation eines dieser Moleküle so verändert,
dass es immer im angeschalteten Zustand vorliegt, also nicht mehr abgeschaltet
werden kann. Für die Zelle wird durch die Mutation das Vorhandensein
eines Wachstumssignals vorgetäuscht. Die Zelle reagiert auf die einzige
Art, wie sie reagieren kann: sie proliferiert.
Für die Erythropoetin-Signaltransduktionskette gibt es ein reales Beispiel:
die Mutation Val617Phe im JAK2-Molekül führt zu einer Daueraktivierung
dieser Rezeptor-assoziierten Janus-Kinase. Diese Mutation findet man
häufig bei Polycythaemia vera.
Bei weitem nicht alle Mutationen in einem Protoonkogen haben diesen Effekt:
die meisten Mutationen führen dazu, dass das kodierte Protein nicht
mehr funktioniert (loss of function).
Loss of function-Mutationen
in Protoonkogenen haben für die Krebsentstehung keine Bedeutung. Für
die Aktivierung eines Protoonkogens zu einem Onkogen sind nur die selteneren
aktivierenden Mutationen (gain
of function) relevant.
Man könnte versuchen, eine automobile Parallele zu konstruieren: die meisten
Defekte werden zur Folge haben, dass das Auto nicht mehr fährt (loss of function). Das ist bedauerlich, aber nicht unmittelbar gefährlich.
Ein aktivierender Effekt wird wesentlich seltener auftreten und könnte
zum Beispiel ein festgeklemmtes Gaspedal darstellen (gain of function; schon vorgekommen!): diese Situation ist wesentlich
kritischer.
2.
MUTATIONEN
Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde klar, dass Stoffe
aus der Umwelt in Zusammenhang mit Krebs gebracht werden können. Zum
Beispiel bekamen Männer, die mit der Destillation der bi-zyklischen
aromatischen Substanz 2-Naphthylamin befasst waren, gehäuft Blasenkrebs.
Diese Verbindung ist also krebsverursachend, oder ein "Karzinogen".
Die
Befürchtung vieler Menschen, dass karzinogene "Chemie" der
wesentlichste Auslöser von malignen Neoplasien beim Menschen ist, trifft
jedoch nicht zu. Eines der weltweit relevantesten Karzinogene ist ein
reines Naturprodukt: Aflatoxin B1. Es wird vom Pilz Aspergillus
flavus gebildet, der gute Wachstumsbedingungen vorfindet, wenn Erdnüsse,
Mais, Getreide oder Pistazien warm und feucht gelagert werden, wie das
in vielen tropischen und subtropischen Regionen der Welt unvermeidbar
ist. Aflatoxin ist primär nicht mutagen. Nach seiner Aufnahme über den
Darm gelangt es in die Leber, wo es durch das Cytochrom P450-System,
das Teil der Biotransformation ist, in ein hochreaktives Zwischenprodukt
übergeführt wird, das sich dann an Stickstoff- oder Sauerstoffatome
in Makromolekülen der Zelle bindet. Ein typisches Akzeptor-Atom in der
DNA ist das N7-Atom von Guanin. Den entstehenden Komplex nennt man ein
"DNA-Addukt". Wird es nicht rechtzeitig repariert, kann das
Guanosin-Aflatoxin-Addukt während der folgenden Replikation Wasserstoffbrücken
sowohl mit dem korrekten C als auch mit A ausbilden; die Replikationsgabel
scheint aber bei einer Paarung mit C hängenzubleiben, während sie die
Paarung mit A passieren kann. Dadurch ist der Einbau von A am Gegenstrang
bevorzugt. Die folgende Reparatur des Addukts führt gegenüber des fälschlich
eingebauten Adenins schließlich zum Einbau eines Thymins an der Stelle
des ursprünglichen Guanins. Dieser Mechanismus wird als Ursache für
die in Aflatoxin-belasteten Gebieten häufig beobachtete G->T Mutation
an der dritten Position des Codons 249 von p53 in hepatozellulären Karzinomen
angesehen, die zum Austausch des für DNA-Bindung und Konformation wichtigen
Arg249 (AGG) gegen Serin (AGT) führt. Man nimmt an, dass dieser Prozess
zum häufigeren Auftreten des Leberzellkarzinoms in den Tropen beiträgt.
Beim
Erhitzen proteinreicher Nahrungsmittel wird eine Vielzahl von chemischen
Reaktionen ausgelöst. So entstehen beim Braten von Fleisch oder Fisch
heterozyklische aromatische Amine, z. B. PhIP (2-Amino-1-methyl-6-phenylimidazo[4,5
b]pyridin), die mit der Speise aufgenommen werden. Oxidation der exozyklischen
Aminogruppe von PhIP durch eine Cytochrom P450-Oxidase generiert das
hochreaktive N-OH-PhIP, das wiederum mit Guanin ein DNA-Addukt bilden
kann.
In
unserer Gesellschaft ist die Angst vor der versteckten Belastung mit
exogenen Karzinogenen sehr ausgeprägt. Dabei ist ein großer Teil der
tatsächlichen Exposition nicht versteckt, sondern offensichtlich und
darüber hinaus freiwillig: gemeint sind z. B. die Karzinogene im Tabakrauch
und die mutagene Wirkung der UV-Strahlung.
Polyzyklische
Aromate wie Benzpyren sind Bestandteile des "Teer"-Gehalts
von Zigaretten. Aus Konzentrationsgründen betrifft ihre mutagene Wirkung
am stärksten die Epithelzellen der Atemwege; formal verläuft die Schädigung
analog dem schon bei Aflatoxin besprochenen Mechanismus über Benzpyren-Adduktbildung
an Guaninen. Bei starkem Zigarettenkonsum ist die mutagene Wirkung dieser
Teerinhaltsstoffe quantitativ so ausgeprägt, dass sich Raucher über
die Wirkung "versteckter" Karzinogene eigentlich keine Gedanken
mehr machen müssen. Neben polyzyklischen Aromaten wurden zahlreiche
weitere Karzinogene im Tabakrauch nachgewiesen, z. B. Aldehyde, Nitrosamine
und Schwermetalle, sogar das radioaktive Uran-Radium-Zerfallsprodukt
Polonium 210. Nikotin hat primär Sucht-machende Wirkung; zwar gibt es
abgeleitete karzinogene Rauchinhaltsstoffe wie N'-Nitrosonornikotin,
doch ist dieser mutagene Effekt angesichts der übrigen Rauch-Mutagene
untergeordnet.
Die
im normalen Alltag bereits ohne willentliche Sonnenexposition absorbierte
UV-Strahlung führt zu zahlreichen DNA-Schädigungen in lichtexponierten
Arealen; in erster Linie über eine durch die Strahlungsenergie ermöglichte
kovalente Quervernetzung benachbarter Pyrimidin-Nukleotide (z. B. "Thymin-Dimere").
Die Intensität dieser mutagenen Aktivität wird bei Xeroderma
pigmentosum-Patienten klar, die solche Quervernetzungen nicht reparieren
können: sogar durch den äußersten praktisch möglichen Lichtschutz lässt
sich die Entstehung zahlreicher maligner Tumoren der Haut, häufig sogar
der vorderen Areale der Mundhöhle (!), nicht vermeiden. Es wäre daher
klug, die direkte Sonnenexposition in einem vernünftigen Rahmen zu halten
und den in Kauf genommenen Schaden durch Sonnenschutzmittel zu begrenzen.
Die Idee des Solariums erscheint aus dieser Sicht wenig glücklich.
Ionisierende
Strahlung führt zu DNA-Einzel- und Doppelstrangbrüchen. Jeder Mensch
ist einem gewissen Niveau ionisierender Strahlung ausgesetzt, das in
erster Linie durch medizinische bildgebende Verfahren, geologische Verhältnisse
des Wohnorts und verwendete Baumaterialien determiniert wird. Durch
berufliche Umstände (medizinische Berufe, häufige Langstreckenflüge)
kann die Exposition erhöht werden.
Test
auf Mutagenität: der Ames-Test
Um die Mutagenität einzelner Verbindungen zu testen, entwickelte der amerikanische
Forscher Bruce Ames ein Testverfahren, das eine Quantifizierung von
Mutationen in einem Bakterienstamm erlaubt. Der Test misst die Frequenz,
mit der Mutationen einem Bakterium ermöglichen, selbst Histidin zu synthetisieren,
sodass es auf einem Histidin-freien Medium eine Kolonie bilden kann.
Indem der Testsubstanz ausgesetzte Bakterien mit Kontrollbakterien verglichen
werden, kann die Zahl von Mutationen ermittelt werden, die auf die Testsubstanz
zurückgehen. Zur Testsubstanz kann homogenisierter Leberextrakt zugegeben
werden, um die Effekte der Biotransformation einzubeziehen.
Mutationen
entstehen auch ohne äußere Karzinogene
Mutationen sind nicht ausschließlich auf aus der Umwelt
stammende Mutagene, Strahlen etc. zurückzuführen. Bereits bei der normalen
Funktion von DNA in unbelasteten Zellen entstehen etwa 20.000 "spontane"
Veränderungen pro Zelle und Tag, die sekundär zu Mutationen führen können.
Zwar ist doppelsträngige DNA ein für biologische Verhältnisse außerordentlich
stabiles Molekül, wesentlich stabiler als Proteine oder RNA, doch befindet
sich dieses Molekül in einer chemisch sehr reaktiven Umgebung: Wärme,
Sauerstoffkonzentration, wässriges salzhaltiges Milieu (vergleiche Rostbildung!)
und eine Vielzahl reaktiver Gruppen umgebender Makromoleküle führen
dazu, dass die DNA unter dauerndem chemischen Beschuss liegt. Daraus
ergeben sich folgende häufigen Veränderungen:
Hydrolyse
Die
Kombination von wässrigem Milieu und Wärme führt zum Aufbrechen einer
kovalenten Bindung durch ein Wassermolekül. Nach der Lokalisation der
am häufigsten hydrolysierten Bindungen ergeben sich:
Depurinierung: die DNA jeder humanen Zelle verliert pro Tag etwa 5000
Purinbasen (Adenin oder Guanin) durch Hydrolyse ihrer N-glykosidischen
Bindung an Desoxy-Ribose (abasic
site).
Deaminierung: Verliert Cytosin durch Hydrolyse seine Aminogruppe,
bleibt Uracil zurück. Diese Veränderung betrifft etwa 100 Cytosin-Basen
pro Zelle und Tag. Während Cytosin Basenpaarung mit Guanin eingeht,
verhält sich Uracil wie Thymin und geht Basenpaarung mit Adenin ein.
Da Uracil aber nicht Bestandteil der DNA ist, wird Uracil durch ein
spezialisiertes Enzym (Uracil DNA Glykosylase) rasch aus der DNA entfernt
und die entsprechende Stelle neu synthetisiert (base
excision repair, BER). Erst bei Defekten dieses Reparatursystems
führt eine Cytosin-Deaminierung zu einer G->A Punktmutation am Gegenstrang.
Oxidation
Die
hohe Reaktivität des Sauerstoffs, besonders in der Form des Hydroxylradikals,
führt zu mehr als 10.000 Basenveränderungen pro Zelle und Tag. Manche
dieser Veränderungen führen zu Mutationen: die Oxidierung von Guanin
zu 8-Oxo-Guanin führt zu einer Basenpaarung mit A statt mit C. Andere,
wie die Oxidation von Thymin zu Thyminglykol, führen zu einer Blockade
der DNA-Replikation. Während Basenoxidation bereits unter physiologischen
Bedingungen auftritt, ist dieser Effekt in Geweben mit chronischer Entzündung
noch wesentlich verstärkt: Makrophagen und neutrophile Granulozyten
produzieren dauernd große Mengen aktiver Sauerstoffverbindungen. Dazu
kommt noch, dass unter diesen Bedingungen viele Zellen untergehen. Die
verbliebenen Zellen versuchen, diese Verluste durch verstärkte Proliferation
auszugleichen. Die so erhöhte Frequenz der DNA-Replikation hat zur Folge,
dass oxidative DNA-Schäden häufiger durch Basenfehlinkorporation im
Gegenstrang fixiert werden.
Methylierung
Die
geregelte Methylierung des C5-Atoms von Cytosin in der Basenfolge CG
("CpG"-Konfiguration) ist ein wichtiger, zur Genregulation
beitragender Prozess. Jedoch kommen auch ungeregelte Übertragungen von
Methylgruppen vom Universal-Methylgruppendonor S-Adenosylmethionin auf
Basen vor. Häufig ist z. B. die relativ harmlose Methylierung von N7
in Guanin; die seltenere Methylierung des O6-Atoms von Guanin führt
jedoch zur fälschlichen Basenpaarung mit T statt C.
Replikationsfehler
Mehr noch als bei der bloßen
Erhaltung der DNA bestehen bei der Replikation Möglichkeiten für Mutationen.
Einerseits können normale Nukleotide fehleingebaut werden, andererseits
bestehen in jeder Zelle aufgrund der Reaktionsgleichgewichte auch geringe
Mengen "falscher" Nukleotide, die sich z. B. in einer Seitengruppe
von den "richtigen" unterscheiden. Um die Rate der durch diese
Mechanismen entstehenden Mutationen möglichst niedrig zu halten, sind
mehrere Ebenen des "Korrekturlesens" eingebaut. Die erste
ist die tatsächlich proofreading
genannte Aktivität der DNA-Polymerasen. Mit Hilfe einer eingebauten
3´->5`-Exonukleaseaktivität wird ein fehlerhaft eingebautes Nukleotid
sofort durch einen Rückwärtsschritt des Enzyms wieder herausgeschnitten,
vor weiterpolymerisiert wird. Die nächste Korrekturebene erfolgt durch
das mismatch repair (MMR)-System.
Mismatch
repair (MMR)
Fehler
können den Einbau eines falschen Nukleotids an der richtigen Stelle,
aber auch den Einbau zusätzlicher (Insertionen) oder den Wegfall von
Nukleotiden (Deletionen) bedeuten, welche noch kritischer sind, da diese
zu Leserasterverschiebungen führen. Bei der großen Zahl an Nukleotiden,
die in einer DNA-Replikation polymerisiert werden, hat auch eine niedrige
Fehlerrate zahlreiche Fehlinkorporationen zur Folge. Das falsch oder
zusätzlich eingebaute Nukleotid passt nicht mit seinem Gegenüber zusammen
–mismatch— d. h., kann keine
Wasserstoffbrücken mit seinem Gegenüber ausbilden. Die DNA ist an dieser
Stelle in ihrer Kontinuität gestört, sie bekommt einen "Buckel".
Eine solche Diskontinuität wäre mit molekularen Mitteln nicht schwer
zu erkennen; das viel schwierigere Problem besteht darin, zu erkennen,
welches der beiden Nukleotide das Richtige und welches das Falsche ist.
Die mismatch repair-Systeme
in verschiedenen Organismen haben die Fähigkeit, alten und neu synthetisierten
Strang voneinander zu unterscheiden. Es ist noch nicht sicher, auf welchem
Weg das beim Menschen geschieht; bei Bakterien nützt das System die
Tatsache aus, dass der alte Strang an manchen Stellen methyliert ist.
Das
mismatch repair-System wurde zunächst in der einfacheren bakteriellen
Form aufgeklärt. In E. coli
besteht der Kern des Systems aus drei Proteinen: mutS, mutL und mutH. mutS ist das Protein, das die Diskontinuität in der DNA erkennt; ein
mutS-Dimer bindet an diese
Stelle und bewegt sich dann Energie-abhängig so in beide Richtungen
vom Buckel weg, dass eine DNA-Schlaufe entsteht, die in ihrem Scheitelpunkt
den mismatch trägt. Wenn eines der mutS-Proteine auf eine methylierte Base
trifft, treten jeweils mutL
und mutH-Dimere hinzu, damit im so entstandenen
Komplex die Endonuklease mutH
den der methylierten Base gegenüber liegenden DNA-Strang schneiden kann.
Damit ist das Strang-Erkennungsproblem gelöst: in der Umgebung eines
mismatch wurde jener Strang durch einen
Schnitt markiert, der nicht methyliert ist. Mit Hilfe anderer Proteine
wird in der Folge der nicht-methylierte Strang zwischen mismatch und Schnitt herausgeschnitten und neu synthetisiert.
Das
menschliche mismatch repair-System besteht aus den
selben Grundbausteinen, doch gibt es jeweils mehrere Homologe zu mutS und mutL, während das Korrelat zur Endonuklease mutH bisher nicht identifiziert
werden konnte. Die mutS-Homologe
tragen die Bezeichnung MSH2 bis-6 (MSH steht für mutS-Homolog; ein MSH-1
wird postuliert, wurde aber bisher nur in Hefe gefunden). Die vier identifizierten
mutL-Homologe tragen die Bezeichnungen MLH-1, MLH-2, PMS-1, PMS-2 (MLH
steht für mutL-Homolog, PMS
für postmeiotic segregation, da diese Proteine
auch eine Funktion beim crossing
over der Meiose haben). Während in E. coli mutS und mutL als Homodimere
auftreten, funktionieren die menschlichen Homologe als Heterodimere.
Ein typischer mismatch repair-Komplex
wäre z. B. MSH2/MSH6 mit MLH1/PMS1 plus unbekannter Endonuklease. Unklar
ist auch der Mechanismus der Strangunterscheidung, der sich beim Menschen
nicht auf Methylierung stützt.
Die Summe der
Überwachungs- und Korrekturmaßnahmen beseitigt den Großteil der primär
gesetzten DNA-Veränderungen, so dass es zu keinen dauerhaften Mutationen
kommt. Die molekularen Maschinerien für DNA-Replikation und -Reparatur
arbeiten mit großer Präzision, können aber nicht perfekt sein. Nach
allen Sicherheitsmechanismen bleibt eine geringe Mutationsrate von 10-6
Mutationen pro Gen und Zellteilung. Obwohl diese Rate gering ist, reicht
sie aus, viele Mutationen zu verursachen, da der Mensch im Lauf seines
Lebens etwa 1016 Zellteilungen durchmacht: kumulativ, also
auf alle Zellen bezogen, die der Mensch im Lauf seines Lebens besitzt,
bedeutet das 1010 Mutationen pro Gen. Diese Tatsache stellt
kein Problem dar, solange nicht zu viele Zellteilungen in Serie hintereinander
geschaltet werden. Die Begrenzung der Zahl an Zellteilungen, die eine
somatische Zelle durchmachen kann —z. B. durch Telomer-"Verbrauch"—
stellt daher einen wichtigen Schutz vor der Akkumulation zu vieler Mutationen
dar. Die typische Zelle macht auf ihrem Entwicklungsweg von der Stammzelle
bis zur terminal differenzierten Zelle nur etwa 10 bis 15 Zellteilungen
durch.
Beitrag
von Umweltfaktoren zur Krebsentstehung
Eine für das Verhalten des Individuums bedeutsame Frage
ist, wie groß der relative Anteil dieser zwei Mutationsursachen ist:
"endogen" versus "durch Umweltkarzinogene ausgelöst".
Diese Frage ist leider nicht exakt beantwortbar, und es existieren
sehr verschiedene Schätzungen darüber. Eine Gruppe von Epidemiologen
(Trichopoulos et al., Scientific American 275 (Sept.): 50-57, 1996)
schätzt, dass nur ein Viertel der malignen Neoplasien endogen bedingt
ist, während 75% durch exogene Ursachen beigetragen werden, angeführt
durch Tabakkonsum (30%) und falsche Ernährungsgewohnheiten (30%). Der
herausragende Effekt des Rauchens wird sehr klar, wenn man die Entwicklung
der Todesfälle durch maligne Neoplasien seit 1930 betrachtet. Der ungeheure
Anstieg von Todesfällen durch Lungen- und Bronchuskarzinom, zunächst
bei Männern, dann, mit 30-jähriger Verschiebung bei Frauen, spiegelt
den Verlauf der Verbreitung des Zigarettenkonsums wieder.
Eine
einzelne Mutation löst noch keinen Krebs aus
Für die meisten malignen Tumoren steigt die Inzidenz mit dem Lebensalter.
Trägt man z. B. die Inzidenz des Kolonkarzinoms gegen das Lebensalter
auf, erhält man eine typische, exponentiell ansteigende Kurve. Die Form
dieser Kurve ist nur durch das Zusammentreffen mehrerer unabhängiger
seltener Ereignisse in derselben Zelle erklärbar. So lässt sich beispielsweise
berechnen, dass zur Entstehung eines Kolonkarzinoms sechs unabhängige
Ereignisse zusammentreffen müssen. Ein solches Einzelereignis kann die
Aktivierung eines Protoonkogens oder die Inaktivierung eines Antionkogens
sein. Das Zusammentreffen von sechs seltenen, unabhängigen Ereignissen
in derselben Zelle ist am Beginn des Lebens sehr unwahrscheinlich, wird
aber mit zunehmendem Alter immer wahrscheinlicher. Die Grund für diese
Konstellation liegt darin, dass Proliferation und Verhalten unserer
Zellen durch mehrere Ebenen von Kontroll- und Sicherheitsmechanismen
gesteuert werden, von denen jede einzeln durch genetische oder epigenetische
Ereignisse verändert werden muss.
Zu dieser Regel gibt es Ausnahmen. So tritt der Netzhauttumor Retinoblastom
beinahe ausschließlich bei kleinen Kindern auf. Einige der erwähnten
Kontrollmechanismen sind in Retinazellen offenbar nicht "eingeschaltet".
Der Verlust des Antionkogens Rb in der Gegenwart von Wachstumssignalen
in Zusammenhang mit dem Wachstum des Augapfels genügt, um diesen malignen
Tumor auszulösen.
Das
Multi-Step-Modell: Mutation und Selektion
Das gegenwärtig vorherrschende Denkmodell für die Entwicklung der meisten
malignen Tumoren wurde von Vogelstein und Kinzler am Beispiel des Kolonkarzinoms
entwickelt. Es sieht Krebsentstehung als einen sich über viele Jahre
hinziehenden Mutations- und Selektionsprozess. Ein erstes Ereignis führt
beispielsweise zur Inaktivierung des Antionkogens APC in einer Kolonstammzelle.
Der Phänotyp der betroffenen Zelle ändert sich nur minimal: Die Zelle
hat eine geringfügig erhöhte Tendenz, zu proliferieren. Möglicherweise
gibt es auch ein Problem mit der asymmetrischen Stammzellteilung, sodass
mehr Stammzelltöchter entstehen (siehe Abschnitt "Kolonkarzinom")
So bildet sich, beispielsweise über den Zeitraum von zwei Jahren, eine
kleine "Epithelinsel" aus Nachkommen dieser ersten Zelle,
denen natürlich alle das APC fehlt. Mutationen treten im Darmepithel
mit einer charakteristischen Frequenz auf. Je größer die APC-lose Zellinsel
wird, desto wahrscheinlicher wird es, dass eine dieser weiteren Mutationen
eine APC-lose Zelle trifft. Dieses zweite relevante Mutationsereignis
könnte beispielsweise die Aktivierung von ras durch eine Punktmutation sein. Der
entstehende Zellklon hat damit einen weiteren Selektionsvorteil: die
verstärkte Proliferationstendenz bewirkt, dass aus den Nachkommen dieser
Zelle langsam eine Insel von Zellen mit zwei genetischen Problemen innerhalb
der ursprünglichen Insel mit einem Problem entsteht. Die Zellen sind
immer noch gut differenziert, doch erhebt sich nun langsam ein Adenom
aus der Ebene des Epithels. Weitere eineinhalb Jahre später geht in
einer Tochterzelle dieses Klons die Funktion eines weiteren Tumorsuppressorgens
verloren, z. B. p53, und so weiter....
Mit jedem Mutationsereignis vergrößert sich der Selektionsvorteil und
verkleinert sich der Differenzierungsgrad des driftenden Zellklons.
Nach 10 Jahren entsteht durch ein sechstes unabhängiges Mutationsereignis
auf diese Weise die erste maligne Tumorzelle.
Die "Tumor-Evolution" bleibt damit nicht stehen: im Lauf der
weiteren Entwicklung sammelt der Tumor noch weitere Mutationsereignisse,
die z. B. für Metastasierungsorte oder –Geschwindigkeit oder für das
Verhalten des Tumors unter Therapie von Bedeutung sein können. Dabei
spaltet sich die Neoplasie in genetisch unterschiedliche Subklone auf,
die sich auch biologisch oft unterschiedlich verhalten.
Neoplasien
desselben Grundtyps können sich auf Grund ihrer genetischen Heterogenität
biologisch unterschiedlich verhalten.
In der Klinik beobachtet man durchaus unterschiedliche Verläufe der Krankengeschichten
von Patienten mit Tumoren desselben Grundtyps. Während ein Patient mit
Kolonkarzinom auf die Therapie gut anspricht und danach jahrelang beschwerdefrei
ist, bekommt der nächste rasch ein Rezidiv und verstirbt wenige Monate
später. Was zunächst unverständlich wirkt, wird durch die unterschiedliche
Ausstattung der Tumorzellen der beiden Patienten mit "genetischen
Problemen" begreiflich.
Eine gegenwärtige Stoßrichtung der Therapieentwicklung ist, auf Basis
einer Bestimmung des individuellen "Tumormutationsprofils"
eine rational begründete, individuell sinnvolle Therapie zu verabreichen
(personalized medicine).
Mutationen
sind nicht alles: das Initiator-Promotor-Konzept
Karzinogene sind nicht ausschließlich Mutagene. Dies wurde schon früh
klar, als man erkannte, dass es zwei Gruppen von Neoplasie-fördernden
Substanzen gibt, die auf Grund ihrer Wirkung als "Tumorinitiatoren"
und "Tumorpromotoren" bezeichnet wurden. Behandelte man beispielsweise
die Haut einer Maus zunächst mit einer Substanz aus der Initiatorgruppe,
dann wiederholt mit einer aus der Promotorgruppe, entwickelte sich ein
maligner Tumor. In der umgekehrten Reihenfolge –zuerst Promotor, dann
Initiator— entwickelte sich keiner.
Die Erklärung für dieses Verhalten liegt darin, dass nur der Tumorinitiator
mutagen wirkt. Ein Tumorpromotor dagegen wirkt proliferationsfördernd,
ohne selbst Mutationen zu verursachen. Wirkt nur der Tumorpromotor ein,
ohne dass vorher Mutationen gesetzt wurden, bewirkt das keine Progression
zur Malignität. Wurden jedoch vorher durch den Tumorinitiator Mutationen
ausgelöst, werden die betroffenen Zellen mitsamt deren genetischen Defekten
durch den Proliferationsreiz vervielfacht. Mit dieser Vervielfachung
steigt die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Mutationen auf Zellen treffen,
die bereits mit einigen Defekten belastet sind. Tumorpromotoren vergrößern
also die Basis an Zellen mit präexistenten Problemen, ohne selbst mutagen
zu sein.
Beispiele für Tumorpromotorwirkung wären etwa Östrogene in bezug auf das
Mammakarzinom oder der von einem Magengeschwür ausgehende Proliferationsreiz
für die Entstehung eines Magenkarzinoms.
3.
ANTIONKOGENE = TUMORSUPPRESSORGENE
3. 1. Zellzyklus-Regulation
Zellzyklusphasen
Die Beschreibung von Phasen des Zellzyklus konzentrierte sich in der lichtmikroskopischen
Ära auf die Mitose: nur dann war etwas Besonderes zu sehen: Entstehung,
Anordnung und Auseinanderwandern der Chromosomen. Der Rest wurde einfach
"Interphase" genannt: das langweilige Intervall zwischen zwei
Mitosen.
Später wurde klar, dass in einem Abschnitt der Interphase die Replikation
der DNA abläuft. Diese Zellzyklusphase wurde mit "S" für Synthese
bezeichnet.
Damit kommt man zu folgendem einfachen Modell für den Zellzyklus:
M- Mitose
G1- steht, je nach Temperament,
für gap oder growth
S- DNA-Replikation (Synthese)
G2- nach Abschluss der DNA-Synthese
bis zur nächsten Mitose
Cdk/Cyclin-Komplexe
Die Entscheidung, den nächsten Schritt im Zellteilungszyklus einzuleiten,
bedeutet jeweils die Aktivierung eines "Hauptschalters" in
der Form eines Cdk/Cyclin-Komplexes.
Die einfachste Form dieses Zellzykluskontrollsystems findet sich in der
Hefe, die über eine einzige, ständig vorhandene Kinase verfügt. Diese
ist inaktiv, bis ein weiteres Protein, ein sogenanntes Cyclin, exprimiert
wird und an sie bindet: daher der Name Cyclin-dependent
kinase, abgekürzt Cdk. Die Cdk wird durch unterschiedliche Cycline
aktiviert: ein G1/S-Cyclin wird exprimiert, wenn die Zelle in die S-Phase
eintreten soll; ein S-Cyclin, um die DNA-Synthese durchzuführen; ein
mitotisches Cyclin trägt zum Eintritt in die eigentliche Teilungsphase
bei. Während eines dieser Cycline vorhanden ist, ist der Cdk/Cyclin-Komplex
aktiv; wenn der dadurch eingeleitete Schritt im Zellzyklus absolviert
ist, wird das Cyclin durch Proteolyse rasch wieder abgebaut und die
Kinase dadurch inaktiviert. Die verschiedenen Cdk/Cyclin-Komplexe haben
unterschiedliche Substrate (Zielproteine, die durch den Komplex phosphoryliert
werden).
Der menschliche Zellzyklus
Die entsprechenden menschlichen Hauptschalter zur Koordinierung des Zellzyklus
funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Der Hauptunterschied zum Hefesystem
ist, dass es mehrere Cdks gibt. Die Cdks werden durchnumeriert; die
Cycline mit Großbuchstaben bezeichnet. Folgende Cdk/Cyclin-Komplexe
haben Bedeutung für das Fortschreiten in den Phasen des menschlichen
Zellzyklus:
G1-Phase: Cdk6/D
Cdk4/D
–Komplex phosphoryliert Rb
Übergang G1-S: Cdk2/E –Komplex phosphoryliert Rb
S-Phase: Cdk2/A
Übergang G2-M: Cdk1/A
M –Phase: Cdk1/B
Ebenen der Cdk-Regulation, Checkpoints
Der Hauptschalter Cdk wird auf mehreren Ebenen reguliert. Zusätzlich zur
Bedingung für ein Cyclin erfolgt Regulation durch hemmende und aktivierende
Phosphorylierungen, sowie durch Proteinregulatoren wie p21CIP1/WAF1,
p27Kip1 oder p16INK4A. Eine Cdk stellt also ein komplexes Schaltelement
dar, das erst aktiv wird, wenn mehrere unabhängige Bedingungen erfüllt
sind. Mit Hilfe dieser Schaltelemente kann der Zellzyklus an sogenannten
Checkpoints angehalten werden, falls noch nicht alle Bedingungen der
Checkliste für den nächsten Schritt erfüllt sind. Dabei spielen Faktoren
wie Masse der Zelle, Versorgungssituation und Energieniveau eine Rolle,
besonders aber auch potentielle Schäden der DNA sowie die vollständige
Anheftung aller Chromatiden an der Teilungsspindel während der Mitosephase.
Die letzten beiden Punkte führten zur Benennung folgender Checkpoints:
·
G1
DNA damage checkpoint
(Arrest bei DNA-Schäden)
·
DNA
replication checkpoint
(Arrest bei hängengebliebenen Replikationsgabeln)
·
G2/M
DNA damage checkpoint
(Arrest bei DNA-Schäden nach der Replikation)
·
Spindle
checkpoint (Arrest,
bis alle Chromatiden angeheftet und unter Spannung sind)
Durch Anhalten des Zellzyklus in diesen Situationen werden größere Probleme,
wie die Replikation geschädigter DNA, die Aufteilung noch unvollständig
replizierter DNA oder die Fehlverteilung von Chromatiden, vermieden.
Es entsteht Gelegenheit zur Korrektur: DNA-Schäden werden repariert,
die Replikation wird abgeschlossen, die letzten Chromatiden werden korrekt
angeheftet. Falls ein Problem über längere Zeit nicht gelöst werden
kann, wird über den Checkpoint-Mechanismus häufig Apoptose der betroffenen
Zelle ausgelöst-- das schützt den Gesamtorganismus vor Zellen mit defektem
Genom.
Für jeden Checkpoint ist eine Reihe von Proteinen notwendig. Sind solche
Checkpoint-Proteine selbst von Mutationen betroffen, kann der Zellzyklus
im Fall eines Problems nicht mehr angehalten werden. Die trotz Problem
fortschreitende DNA-Replikation oder Mitose führt zu weiteren Mutationen
oder Aneuploidien.
Wir werden im Abschnitt über p53 den G1 DNA damage checkpoint näher betrachten.
3. 2. Rb-PROTEIN
Ein Substrat der Cdk/Cyclin-Komplexe, die in der G1-Phase aktiv sind,
ist das Rb-Protein, das seinen Namen vom Netzhauttumor Retinoblastom
erhalten hat. Solange Rb nicht
phosphoryliert ist, maskiert es den Transkriptionsfaktor E2F, sodass
dieser seine Zielgene nicht anschalten kann. Mehren sich die äußeren
und inneren Signale, die für die Einleitung eines Zellverdoppelungszyklus
sprechen, werden die entsprechenden Cycline exprimiert, Phosphorylierungen
adjustiert und Proteinhemmer abgebaut. Damit werden die Cdk/Cyclin-Komplexe
aktiv: Rb wird an vielen Stellen phosphoryliert. Durch einen letzten
Phosphorylierungsschub durch den Cdk2/E-Komplex verändert sich die Struktur
des Rb–Proteins so, dass es von E2F abfällt. E2F aktiviert nun seine
Zielgene:
-E2F
selbst (als kurzfristige positive Rückkoppelung)
-Cyclin E (Verstärkung
der positiven Rückkoppelung)
-Cdk2 (Verstärkung der
positiven Rückkoppelung)
-c-Myc, c-Myb (Transkriptionsfaktoren
für weitere Genpaletten)
-Cyclin A (Cdk2/A nötig
zum Abfeuern der DNA-Replikationsgabeln)
-DNA-Polymerase α
-PCNA (Gleitring, der
DNA-Polmerase an DNA hält)
-Thymidylatsynthase,
Thymidinkinase (für Thymidin-Neusynthese)
-Dihydrofolatreductase
(für Purin-, Thymidin-Neusynthese)
-Cdk1 (notwendig für
Mitose)
-Apaf1 (für Apoptose-Notausstieg
bei Problemen)
-Caspase3 (für Apoptose-Notausstieg
bei Problemen)
-p14ARF (Sensor für
unphysiologische Zelzyklusaktivierung, siehe p53!)
Die durch diese Zielgene kodierten Proteine haben wichtige Funktionen
für S- und M-Phase, wie z. B. die Synthese von Desoxynucleotidtriphosphaten
(dNTPs). Die Aktivierung dieser Zielgene trägt daher dazu bei, die Zelle
von der G1-Phase in den Zellteilungszyklus zu treiben; allerdings werden
auch für die Apoptose benötigte Faktoren in Form inaktiver Vorstufen
bereitgestellt für den Fall, dass während der kritischen Zellteilung
gravierende Probleme auftreten.
Rb als Musterbeispiel eines Antionkogens
Rb stellt das zur Zeit wahrscheinlich am besten verstandene Antionkogen
oder, synonym, Tumorsupressorgen dar. Es wirkt wie eine "Bremse
am Zellzyklus", indem es in Abwesenheit von Wachstumssignalen E2F
maskiert und die Zelle so in der G1-Phase festhält. Wachstumssignale
lösen diese Bremse über die Expression von D- und E-Cyclinen und die
dadurch ausgelöste Phosphorylierung und Konformationsänderung von Rb.
Viele Antionkogene können als Bremsen am Zellzyklus verstanden werden.
Mutationen im Rb-Gen führen häufig zu
einem Verlust der Bremsfunktion
Die Rb-Bremse kann physiologisch nur durch Wachstumssignale gelöst werden.
Was aber passiert, wenn das Rb-Gen durch Mutationen betroffen wird?
Viele Mutationen werden die Folge haben, dass das Rb-Protein nicht mehr
funktioniert. Deletionen, vorzeitige Translationsstops, Leserasterverschiebungen
und viele Punktmutationen führen zu einem Verlust der Fähigkeit von
Rb, E2F zu maskieren und damit zu einem Verlust der Bremsfunktion. Damit
entsteht wieder die Situation, dass eine Mutation das Vorhandensein
von Wachstumssignalen "vortäuscht".
Antionkogene sind im Regelfall Zweikreisbremssysteme: erst
wenn beide Allele ausfallen, macht sich der Ausfall bemerkbar
Defekte führen generell meist dazu, dass etwas nicht funktioniert. Auf
Mutationen übertragen bedeutet das, dass die meisten Mutationen loss-of-function-Mutationen sind. Durch eine solche Mutation geht also die Funktion
eines Allels verloren. Im menschlichen diploid organisierten Genom gibt
es jedoch für jedes Gen zwei Allele, und die Bremsfunktion des am zweiten
Allel kodierten Rb-Proteins ist ausreichend, um die Zelle in G1 zu halten.
Der Ausfall der Bremsfunktion ist also, typisch für loss-of-function
Mutationen, rezessiv. Erst wenn in der selben Zelle auch das zweite
Allel defekt wird, drängt die Zelle über E2F-Wirkung in den Zellteilungszyklus.
In dieser Beziehung sind die Bremssysteme der Zelle analog denen unserer
heutigen Autos. Beim Tritt auf das Bremspedal komprimiert man die Bremsflüssigkeit
im Hauptbremszylinder. Dieser Druck pflanzt sich hydraulisch über die
Bremsleitungen fort und bewegt so die Kolben der Radbremszylinder, die
das Anpressen der Bremsbeläge and die Bremsscheiben zur Folge haben.
Das hydraulische System ist jedoch anfällig für Lecks: Bremsflüssigkeit
tritt aus, Luftblasen entstehen. Sind Luftblasen im System, fällt das
Bremspedal bei einem Bremsversuch widerstandslos durch, da sich die
Luftblasen leicht komprimieren lassen: die Kraft pflanzt sich nicht
mehr auf die Bremsen fort. Da dies zu häufigen Unfällen führte, entwickelte
die Autoindustrie das Zweikreisbremssytem: das hydraulische System wird
einfach in doppelter Ausführung eingebaut. Wird eines der Systeme undicht,
erlaubt das zweite immer noch ausreichend Kraftübertragung, um zu bremsen.
Da der Phänotyp der Proliferationstendenz
erst bei Ausfall beider Allele auftritt, hat man Antionkogene (Tumorsuppressorgene)
auch als "rezessive Onkogene" bezeichnet.
Funktionell verwandte Antionkogene: Inhibitoren
der Cdk/Cyclin-Komplexe
Da Cdk/Cyclin-Komplexe zu einem Fortschreiten im Zellzyklus führen, wirken Hemmer dieser Komplexe
als Bremsen am Zellzyklus und damit als Antionkogene. Zwei Gruppen von
Inhibitoren wirken mechanistisch unterschiedlich:
1. Gruppe: bindet an Cdk/Cyclin-Komplexe; Cdk2-Komplexe werden gehemmt:
-p21 CIP1/WAF1
-p27 Kip1
-p57 Kip2
2. Gruppe: bindet an Cdk4 und Cdk6 und verhindert deren Interaktion mit
Cyclin D:
-p16 INK4a
-p15 INK4b
-p18 INK4c
-p19 INK4d
3. 3. DER ZENTRALE TUMORSUPPRESSOR p53
Die zentrale Bedeutung von p53 für die Tumorentstehung ergibt sich daraus,
dass es nach gegenwärtigem Wissen das am häufigsten mutierte Gen in
malignen Tumoren ist.
Mäuse, die kein p53 besitzen (sogenannte p53-knockouts) kommen als normale, lebensfähige Mäuse zur Welt. Das
bedeutet, dass p53 nicht für die Entwicklung einer normalen Maus notwendig
ist. Allerdings bekommen diese Mäuse später häufig maligne Neoplasien.
Man kann p53 mit der Feuerwehr vergleichen: schafft man diese heute ab,
bedeutet das nicht, dass morgen die Katastrophe eintritt. Es ist allerdings
so gut wie sicher, dass früher oder später eine solche eintritt. P53
ist ein Transkriptionsfaktor, der der Zelle ermöglicht, sinnvoll auf
bestimmte Schädigungen zu reagieren, um negative Folgen zu minimieren.
Struktur
und Abbau von p53
P53 hat drei Domänen: eine N-terminale Abbau/Aktivierungsdomäne, eine
mittlere DNA-Bindungsdomäne und eine C-terminale Tetramerisierungsdomäne.
p53 wird in praktisch allen Zellen dauernd exprimiert. Solange in der
Zelle kein Problem auftritt, wird p53 postwendend über das Ubiquitin-Proteasom-System
wieder abgebaut. In gesunden Zellen ist der p53-Spiegel daher sehr niedrig.
Im Ubiquitin-System arbeiten drei Typen von "Enzymen" zusammen:
E1, E2 und E3. E1 ist das Ubiquitin-aktivierende Enzym: es bindet das
kleine, in allen Zellen exprimierte Protein Ubiquitin unter ATP-Verbrauch
an eine -SH-Gruppe. Dann gibt es das aktivierte Ubiquitin an ein E2,
ein Ubiquitin-konjugierendes Enzym, weiter. Das E2 bindet an eines der
zahlreichen E3-Proteine. E3-Proteine werden meist als "Ubiquitin-Ligasen"
bezeichnet, was nicht ganz korrekt ist, da sie selbst keine Enzymaktivität
besitzen; erst der Komplex aus E2 und E3 ermöglicht die Übertragung
des Ubiquitins auf ein Substratmolekül. Die E3-Moleküle stellen in der
Regel den Kontakt zu einer "schaltbaren" Domäne des Substratmoleküls
her. Im Fall von p53 ist dies die N-terminale Domäne, solange sie nicht
phosphoryliert ist.
Das für p53 zuständige E3-Protein heißt Mdm2 (Mouse double minute 2, ein historisch bedingter Name, der häufig durch
Hdm2 -Human double minute-
ersetzt wird, mit der Begründung, der Mensch könne kein Mausgen haben).
Solange die N-terminale Abbau/Aktivierungs-Domäne nicht phosphoryliert
ist, kann Mdm2 sie sehr effizient binden und p53 mit Hilfe seines E2-Partners
mehrfach ubiquitinieren. Polyubiquitinierung ist das Signal für den
Abbau im Proteasom. Phosphorylierung der N-terminalen Domäne führt dazu,
dass p53 durch Mdm2 viel schlechter gebunden und damit viel langsamer
abgebaut wird.
Auffällig ist, dass unter den in Karzinomen gefundenen p53-Mutanten Punktmutationen
in sehr wenigen Kodons der DNA-Bindungsdomäne überwiegen. Das spricht
dafür, dass die dort kodierten Aminosäuren, meist Arginine (z. B. Arg248,
Arg249, Arg273), von besonderer funktioneller Bedeutung sind bzw. dass
das Austauschen dieser Aminosäuren besonders malignitätsfördernd wirkt.
Die Röntgenstrukturanalyse der DNA-Bindungsdomäne zeigt, dass diese Aminosäuren
entweder direkten Kontakt zur DNA herstellen oder zumindest in ummittelbarer
Nähe der DNA-Interaktionsoberfläche liegen. Der Austausch einer solchen
Aminosäure führt dazu, dass das p53–Molekül schlechter oder nicht mehr
an DNA binden und damit schlechter oder nicht mehr als Transkriptionsfaktor
wirken kann.
Aktivierung
von p53
Verschiedene Stress-Situationen der Zelle lösen die Aktivierung von p53
aus. Dazu gehören DNA-Schäden, Sauerstoffmangel und unphysiologische
Aktivierungsformen des Zellzyklus.
Betrachten wir als Musterbeispiel einen DNA-Doppelstrangbruch. Der Bruch
hat eine Änderung der Chromatinstruktur in der unmittelbaren Umgebung
zur Folge. So wird das normale Histon H2A durch das spezialisierte H2AX
ersetzt, und Dimere eines als "Ku" bezeichneten Proteins binden
direkt an die durch den Bruch entstandenen DNA-Enden. Diese Änderungen
führen zur Rekrutierung mehrerer Proteinkinasen, die p53, H2AX und weitere
Proteine phosphorylieren: DNA-abhängige Proteinkinase, ATM, sowie die
Checkpoint-Kinase Chk2.
[ATM steht für Ataxia Teleangiektasia
Mutated. Ein Defekt im Gen für diese Kinase führt zu einer Krankheit,
die extreme Strahlensensitivität mit einer Prädisposition für lymphoide
Malignome und Defekten in zellulärer und humoraler Immunität kombiniert.]
Phosphorylierung von p53 hat zwei Effekte:
·
Störung der Bindung an seine
E3-Ubiquitinligase Mdm2. Da das dauernd exprimierte p53 nun nicht mehr
so effizient abgebaut wird (Steigerung der Halbwertszeit) steigt der
p53-Spiegel in der Zelle dadurch stark an.
·
Umschaltung der N-terminalen
Domäne in eine Transkriptions-Aktivierungsdomäne. Die negativ geladenen
Phosphorsäurereste erleichtern die Interaktion des Transkriptionsfaktors
mit der RNA-Polymerase.
Zielgene
von p53
Von der großen Zahl von p53-induzierten Genen sollen hier nur wenige angeführt
werden:
·
Mdm2: Es wirkt zunächst eigenartig, dass
p53 seine eigene E3-Ubiquitinligase induziert. Das Ziel der p53-Aktivierung
ist jedoch, ein Zellproblem zu beheben. Sobald es behoben ist, muss
p53 wieder abgebaut werden. Daher ist es sinnvoll, Mdm2 vorzubereiten.
Solange p53 phosphoryliert ist, bleibt Mdm2 ohnehin nur schwach wirksam.
·
p21CIP1/WAF1: Hemmer von Cdk4/D
und Cdk2/E und damit Instrument zum Auslösen einer G1-Arrests
·
14-3-3σ als Instrument
zum Auslösen eines G2-Arrests
·
verschiedene Gene für DNA-Reparaturproteine
·
Bax und weitere Apoptose-fördernde
Proteine der Bcl2-Familie wie PUMA und Noxa
Zellzyklusarrest
mit Reparatur oder Apoptose
Im Fall eines DNA-Doppelstrangbruchs induziert phosphoryliertes p53 sein
Zielgen p21, das seinerseits jene Cdk/Cyclin-Komplexe hemmt, die sonst
Rb phosphorylieren würden. E2F bleibt so maskiert und die Zelle bleibt
in der G1-Phase arretiert. Die Zelle erhält somit Gelegenheit, ihre
DNA zu reparieren; die Weitergabe unvollständiger Chromosomen an die
Tochterzellen wird damit verhindert.
P53 ist also ein wesentliches Instrument im G1 DNA damage checkpoint. Dieser Mechanismus ist zielführend, beruht
jedoch auf der Funktionalität von p21 und Rb. Was geschieht, wenn eines
dieser Tumorsuppressorgene durch Mutationen inaktiviert wird?
Betrachten wir nun also einen anderen Notfall, nämlich den Verlust des
zweiten Rb-Allels einer Zelle durch ein Mutationsereignis. Wird Rb inaktiviert,
bleibt E2F aktiv. E2F wird natürlich bei jeder Zellteilung aktiviert,
im Normalfall jedoch bald wieder zurückgefahren. Nun bleibt es dauernd aktiv und schraubt die
Expression seiner Zielgene, darunter p14ARF, immer höher. P14ARF bindet
und inaktiviert Mdm2, die E3-Ubiquitinligase für p53. Da Mdm2 für den
proteolytischen Abbau von p53 notwendig ist, steigt dadurch die Konzentration
von p53 immer weiter an. Die Induktion von p21 ist in diesem Fall wirkungslos
(die Hemmung der Cdk/Cyclin-Komplexe bringt nichts, wenn Rb fehlt),
doch werden auch die Apoptose-fördernden p53-Zielgene Bax, PUMA, Noxa
immer stärker exprimiert. Dadurch wird die Zelle schließlich in Apoptose
getrieben. Für den Organismus ist das eine gute Lösung: die einzelne
Zelle, die verloren geht, ist leicht ersetzbar. Dafür wird die Gefahr
vermindert, dass es durch diese Zelle, die offensichtlich ein Zellzyklus-Steuerungsproblem
hat, zur Entwicklung einer malignen Neoplasie kommt.
Der Name p14ARF steht für alternative
reading frame. Im auf Chromosom 9 gelegenen Gen verwenden zwei völlig
verschiedene Proteine ein gemeinsames Exon, das sie allerdings in unterschiedlichen
Leserastern ablesen. Das eine Protein ist p16 INK4A, das andere p14ARF.
Beides sind kritische Tumorsuppressoren. Geht das gemeinsame Exon durch
Deletion verloren oder wird es mutiert, verliert die Zelle durch ein
Ereignis zwei Antionkogene. Der Locus auf 9p21 stellt damit eine Art
Achillesferse dar und ist tatsächlich in vielen Tumoren mutiert.
Die
Folgen von Mutationen in p53
Einzelne p53-Mutationen haben unterschiedliche biologische Konsequenzen
und können zumindest vier Aspekte in unterschiedlichem Grad verändern:
DNA-Bindung, Tertiärstruktur des Proteins, zelluläre Lokalisation und
Tetramerbildung.
Wie bereits erwähnt, haben die häufigsten Punktmutationen in p53 zur Folge,
dass das Molekül nicht mehr an die DNA binden kann. Einzelne, seltenere
Mutationen im Inneren der normalerweise bereits dicht gepackten DNA-Bindungsdomäne
ziehen jedoch darüber hinaus eine massive Konformationsänderung ("Maiskorn
zu Popcorn") nach sich. Das hat in der Regel zwei Folgen: erstens
eine starke Steigerung der Halbwertszeit des mutierten Moleküls, zweitens
eine falsche Lokalisation: im Zytoplasma statt im Kern.
Die Tetramerisierungsdomäne bleibt jedoch von Mutationen in der DNA-Bindungsdomäne
in der Regel unberührt. Mutierte p53-Monomere, sogar "Popcorn-p53",
beteiligen sich weiterhin an der Tetramerbildung. Tetramere werden aus
mutierten und normalen Monomeren in allen Permutationen gebildet. Wie
viele mutierte Untereinheiten ein Tetramer verträgt, hängt von der individuellen
Mutation ab. Für viele Mutationen, speziell jene vom "Popcorn-Typ",
genügt eine defekte Untereinheit, um das ganze Tetramer zu inaktivieren.
Die einzigen funktionierenden Tetramere, jene aus vier gesunden Untereinheiten,
stellen nur mehr eine kleine Minderheit dar (ein Sechzehntel aller Tetramere,
wenn beide Monomertypen dieselbe Halbwertszeit haben und ein noch kleinerer
Anteil, wenn das mutierte Monomer langsamer abgebaut wird). Nur diese
können aber im Kern ihrer eigentlichen Aufgabe nachgehen. Eine solche
Mutation eines p53-Allels schaltet damit die Funktion von p53 in dieser
Zelle praktisch aus. Bei Mutationen, die nur die DNA-bindende Oberfläche
des Proteins betreffen, z. B. die häufige Arg273His-Mutation, ist dieser
Effekt weniger ausgeprägt.
Daher inaktivieren viele, aber nicht alle Mutationen nahezu das gesamte
p53 einer Zelle. p53 ist damit eine Ausnahme unter den Antionkogenen:
während sich Mutationen in Antionkogenen sonst rezessiv verhalten, kommt
es bei vielen Mutationen in p53 vor, dass eine Mutation in einem p53-Allel
über ein gleichzeitig in der Zelle vorhandenes gesundes Allel dominiert.
Man nennt dieses Verhalten "dominant negativ".
Wenn in einer Zelle p53 funktionell nicht mehr vorhanden ist, haben auftretende
Doppelstrangbrüche fatale Folgen. Unvollständige Chromosomen werden
verdoppelt, was in späteren Zellteilungen zu massiven Aneuploidien führt:
nicht mit Telomersequenzen gekennzeichnete "unerlaubte" DNA-Enden
werden immer wieder dadurch zum Verschwinden gebracht, dass zwei Schwesterchromatiden
kovalent verbunden werden. In der darauffolgenden Zellteilung werden
die aneinanderhängenden Chromatiden jedoch in gegenseitige Richtungen
gezogen, bis eines nachgibt (Resultat: Aneuploidie) oder der DNA-Strang
irgendwo reißt und ein neuer Chromosomenbruch auftritt: in diesem Fall
beginnt die Geschichte wieder von vorne (breakage-fusion-bridge
cycle). Die genetischen Imbalancen werden so von Zellgeneration
zu Zellgeneration größer. Funktionierendes p53 ist daher ein "Wächter
über die Integrität des Genoms".
Li–Fraumeni-Syndrom
Wenn in einer Familie eine typische Austauschmutation, die den Verlust
eines DNA-Kontakt-Arginins bedeutet, in der Keimbahn weitergegeben wird,
erkranken Familienmitglieder schon jung an malignen Tumoren. Eine typische
Familiensituation: eine Patient, der in jungen Jahren an einem Sarkom
wie z. B. einem Osteosarkom erkrankt, mit zwei unmittelbaren Verwandten,
die ebenfalls jung einen malignen Tumor entwickelt haben, wie z. B.
ein Nebennierenrinden-Karzinom, ein Mammakarzinom oder einen Hirntumor.
Auswirkungen des p53-Status
auf die Behandelbarkeit von Tumoren
P53 ist auch für die Tumortherapie von großer Bedeutung. Viele therapeutische
Optionen, wie Bestrahlung oder zahlreiche Komponenten der Chemotherapie,
wirken, indem sie DNA-Schäden induzieren. Anscheinend sind diese Maßnahmen
um vieles effektiver, wenn der behandelte Tumor noch funktionstüchtiges
p53 hat: dieses leitet in den betroffenen Zellen den apoptotischen Prozess
ein. Tumorarten, bei denen p53 häufig intakt ist, wie Seminom, Wilms-Tumor
oder ALL bei Kindern, sprechen in der Regel gut auf Therapieversuche
an.
Bindung von Rb und p53
durch Virusproteine
Mehrere DNA-Virusarten haben unabhängig voneinander Proteine entwickelt,
die den Zweck haben, p53 und Rb in der virusbefallenen Zelle auszuschalten:
Virus
Rb p53
Adenovirus
E1A E1B-p55
humanes Papillomavirus
E7 E6
SV40 (Affenvirus)
T
T ("large T")
Ein DNA-Virus, das für seine Vermehrung auf das Vorhandensein von Desoxyribonucleotiden
etc. angewiesen ist, genießt offensichtlich einen Selektionsvorteil,
wenn es ihm gelingt, die Zelle in die DNA-Replikationsphase zu drängen.
3.
4. Weitere Antionkogene
Weitere Tumorsuppressoren werden in den Abschnitten über Kolonkarzinom
und Mammakarzinom besprochen:
Kolonkarzinom:
APC
"HNPCC"
Brustkrebs:
BRCA1
BRCA2
Sehr wesentlich für die Entwicklung einer malignen Zelle ist der Zustand
ihrer DNA-Reparaturmechanismen. p53, ATM, p21 lassen sich hier einordnen.
Jede Zelle verfügt über mehrere Reparaturmechanismen, die verhindern,
dass dauernd auftretende DNA-Schäden zu fixierten Mutationen werden.
Gene, die zur DNA-Reparatur notwendige Proteine kodieren, verhalten
sich in Bezug auf die Tumorentstehung in der Regel als Antionkogene.
4.
Telomerase
Ist das ein erlaubtes Ende?
DNA ist, biologisch gesehen, ein "endloses" Molekül. Bei Bakterien
hat ein Genom konsequenterweise Kreisform. Bei Eukaryoten gibt es natürlich
Enden, da das Genom in Chromosomen aufgeteilt ist. Diese Enden sind
aber besonders gekennzeichnet, um sie als "erlaubte" Enden
auszuweisen. Diese Kennzeichnung basiert auf hunderten Wiederholungen
der Sequenz TTAGGG, an die wieder spezielle Proteine binden. Das Ende
des Chromosoms bildet eine Schlinge. Einer der beiden Stränge hängt
als Einzelstrang etwas über und verdrängt über eine gewisse Strecke
seinen eigenen Vorläufer (displacement loop) durch spezifische Basenpaarung.
Durch diese "Lassostruktur" wird für die Zelle gar kein Doppelstrang-Ende
sichtbar. In ihrer Gesamtheit wird diese Struktur Telomer genannt. Telomer-Strukturen
kennzeichnen "erlaubte" Enden; alle anderen DNA-Enden werden
als Doppelstrangbrüche interpretiert, welche repariert werden müssen.
Das Endreplikationsproblem
Die Aufteilung des Genoms in Chromosomen führt zu Problemen an diesen
Enden, sobald die DNA verdoppelt werden soll. In Richtung Chromosomenende
ist die Synthese kein Problem; sie wird einfach kontinuierlich bis zum
Ende durchgeführt. In die Gegenrichtung, also vom Ende her, wird der
Strang diskontinuierlich in Okazaki-Fragmenten synthetisiert. Dazu wird
jeweils zuerst ein kurzer RNA-Strang synthetisiert, da nur die RNA-Polymerase
einen Strang "von Null weg" starten kann. Anschließend verwendet
die DNA-Polymerase dieses RNA-Stück als Primer, um ein Okazaki-DNA–Fragment
zu synthetisieren. Um einen durchgehenden DNA-Strang zu erhalten, werden
anschließend die RNA-Stücke wieder herausgeschnitten und durch DNA ersetzt.
Das funktioniert für alle RNA-Fragmente bis auf das eine, das dem Chromosomenende
am nächsten liegt. Dieses kann zwar herausgeschnitten, aber nicht mehr
ersetzt werden, da kein 3´-Ende vorhanden ist, an den die DNA-Polymerase
etwas anhängen könnte. Der einzelsträngige Rest ist nicht stabil und
wird mit der Zeit abgebaut. Mit jedem Replikationszyklus verkürzt sich
das Telomer dadurch um etwa 50 bis 100 Basenpaare.
Telomerase
Im Lauf der Generationen wäre diese Entwicklung fatal. Zunächst würde
die Lassostruktur verloren gehen und mit sich immer weiter verkürzenden
Telomeren wäre irgendwann der Punkt erreicht, wo die ersten wichtigen
Gene angeknabbert werden. Aus diesem Grund hat die Evolution Telomerase
erfunden, einen Enzymkomplex, der Telomere mit einem Trick verlängern
kann. Telomerase verwendet eine eingebaute RNA als Matrize, um den "unproblematischen
Strang" um viele repetitive TTAGGG-Einheiten zu verlängern, damit
der problematische Strang bei der nächsten Replikation von vornherein
viel weiter draußen mit zusätzlichen Okazaki-Fragmenten beginnen kann.
Im Grunde entspricht die Enzymaktivität der Telomerase jener einer reversen
Trankriptase, da sie eine RNA-Matrize verwendet, um DNA zu synthetisieren.
Ihre katalytische Untereinheit wird daher als hTERT (human
telomerase reverse transcriptase) bezeichnet.
Replikative Seneszenz
Telomerase ist nur in Keimlinienzellen --nur diese werden "unendlich"
weitergegeben—sowie in einem Teil der Stammzellen und in klonal expandierenden
B- und T-Zellen aktiv. In den übrigen somatischen Zellen wird Telomerase
nicht mehr exprimiert. Das trägt zur eingeschränkten Teilungsfähigkeit
und Seneszenz somatischer Zellen bei. Sobald nach einigen Teilungen
das erste Telomer zu kurz wird, um die Lassostruktur noch ausbilden
zu können, nimmt die Zelle das DNA-Doppelstrang-Ende wahr und interpretiert
es als Doppelstrangbruch. Über Aktivierung von p53 und p21 wird die
Zelle in einen anhaltenden ("G0"-) Zellzyklusarrest
versetzt, den wir als Seneszenz bezeichnen. Dies ist ein wichtiger Schutzmechanismus
zur Verhinderung von Tumoren.
Krebszellen reaktivieren Telomerase
Verliert eine Zelle p53, verliert sie auch diesen Schutzmechanismus. Ohne
ihr molekulares Replikationszählwerk teilen sich die Zellen ungehemmt
weiter und verbrauchen ihr gesamtes Telomerkapital. Der Prozess mündet
in chromosomale Instabilität (CIN) mit Chromatid-Fusionierungen und
breakage-fusion-bridge-Zyklen. Viele Zellen verlieren lebenswichtige
Gene, sodass sie absterben. Mit der Zeit gelingt es einigen wenigen
Zellen, ihr hTERT-Gen und damit die Telomerase-Expression zu reaktivieren.
Mit Hilfe der Telomerase wird der gerade vorliegende, meist katastrophale
Zustand des Genoms stabilisiert, indem die gerade vorliegenden DNA-Enden
mit Telomeren versehen und so als "erlaubte" Enden getarnt
werden. Das beendet den Anarchismus des Bruch-Fusions-Brücken-Zyklus
und stabilisiert einen Zellklon mit grotesk verunstaltetem Genom. Dieser
Zellklon wird zum Ausgangspunkt des nächsten Stadiums der Tumorverbreitung.
In 85 bis 90% der malignen Neoplasien des Menschen ist Telomerase reaktiviert
(der Rest verfügt über einen alternativen, hier nicht besprochenen Mechanismus
zur Telomererhaltung). Reaktivierte hTERT verhält sich also wie ein
Onkogen, das zur unbegrenzten Teilungsfähigkeit der Tumorzellen beiträgt.
Die pharmazeutische Industrie arbeitet intensiv daran, Telomerasehemmer
zu entwickeln. Da der Großteil der somatischen Zellen Telomerase nicht
exprimiert, besteht hier die Hoffnung auf eine neue Klasse von Krebsmedikamenten
mit niedrigerer Toxizität.
5.
Proto/-Onkogen-Aktivierung
Doppelnamen
erklären sich aus der Entdeckungsgeschichte der Moleküle
Verwirrung entsteht bei Molekülen der Protoonkogen/Onkogenfamilie leicht
dadurch, dass dieselben Moleküle im Lauf ihrer Entdeckungsgeschichte
verschiedene Namen erhielten. Viele Moleküle wurden zunächst in einer
onkogenen Form in Retroviren entdeckt:
ein Beispiel sind die beiden Onkogene des AEV (avian
erythroblastosis virus), erbA und erbB. erbA stellte sich später als
onkogene Form des Schilddrüsenhormonrezeptors heraus, erbB als jene
des epidermal growth factor (EGF)-Rezeptors.
Manche Proteine, wie Myc, haben ihre aus dem Virus stammende Bezeichnung
behalten. Um Unklarheiten zu vermeiden, wird in diesen Fällen die physiologische
Form mit dem Präfix c- (für cellular)
gekennzeichnet; die virale mit v- (z. B. c-Myc, v-Myc). In der Literatur
zu molekularen Aspekten der Krebsentstehung war es üblich, Gene klein
und kursiv zu schreiben (c-myc),
Proteine groß und normal (c-Myc). Heute kollidiert diese Schreibweise
mit einer jüngeren Konvention, in der menschliche Gene durchgehend mit
Großbuchstaben geschrieben werden (c-MYC statt c-myc).
Obwohl also c-ErbB ganz anders klingt als EGFR oder HER-1 (human EGF receptor-1), handelt es sich
immer um dasselbe Protein.
Der
EGF-Signaltransduktionsweg als Beispiel für normale Protoonkogen-"Arbeitsplätze"
Ein Signaltransduktionsweg, in den einige "klassische" Protoonkogene
eingebaut sind, ist der EGF/PDGF-Signaltransduktionsweg, der auch deshalb
von Bedeutung ist, da wir über mehrere Typen von Therapeutika verfügen,
um ihn zu blockieren. Viele Epithelzellen exprimieren EGF-Rezeptoren,
viele mesenchymale Zellen PDGF-Rezeptoren; nach dem jeweiligen Rezeptor
sind die zur Signalweiterleitung verwendete Proteine ident. Der Wachstumsfaktor
EGF quervernetzt zwei EGF-Rezeptoren, deren intrazelluläre Domäne
Tyrosinkinasen darstellen und einander auf Tyrosinen phosphorylieren.
An diese Phosphotyrosine bindet zunächst ein Adapter-Protein,
das dann einen Guaninnukleotid-Austauschfaktor (GEF, guanine exchange factor) an die Membran holt. GEF wiederum interagiert
mit dem Ras-Protein und tauscht
das daran gebundene GDP gegen GTP aus. In diesem Zustand ist Ras aktiv
und aktiviert mehrere Kinasekaskaden: eine besteht aus Raf, MEK und ERK, eine andere aus MEKK, SEK und Jun-K (Namen unwichtig).
Die jeweils letzte dieser Kinasen wechselt in den Kern und phosphoryliert
dort Transkriptionsfaktoren: Elk und Jun. Diese Transkriptionsfaktoren
schalten Gene an, die ihrerseits wieder für Transkriptionsfaktoren kodieren,
die früh nach einem Wachstumssignal exprimiert werden: Fos
und Jun. Jun führt also über eine positive Rückkoppelungsschleife kurzzeitig
zur Produktion von mehr Jun. Die Kombination von Elk, Fos und Jun (das
Heterodimer aus Fos und Jun wird als AP‑1, activating
protein‑1, bezeichnet) aktiviert viele andere Gene, die zur
Umsetzung des Wachstumssignals benötigt werden.
Alle im letzten Absatz fettgedruckten
Moleküle wurden auch schon in onkogener Form als Mitverursacher maligner
Neoplasien gefunden. In onkogener Form wird der Zelle also jeweils das
Vorhandensein des Wachstumssignals EGF vorgetäuscht- und die Zelle reagiert
entsprechend: durch Proliferation.
Beispiele für Protoonkogenaktivierung:
Klasse
I: Überexpression von Wachstumsfaktoren:
Wachstumsfaktoren –Protoonkogen-Produkte der Klasse I-- wirken onkogen
meist dadurch, dass durch ein Mutationsereignis das unveränderte Molekül
viel zu stark exprimiert wird, häufig autokrin durch dieselbe Zelle.
Das Onkogen eines Retrovirus, das beim Affen Sarkome auslöst, sis, entspricht dem Wachstumsfaktor platelet derived growth factor (PDGF).
PDGF wird von vielen Epithelzellen synthetisiert, während die benachbarten
Stromazellen den PDGF-Rezeptor exprimieren. Beim Menschen trägt Fehlexpression
von PDGF zur Entstehung einer Untergruppe der Ewing-Sarkome bei. Ewing-Sarkome
bestehen aus kleinen, runden, dedifferenzierten Zellen, die meist im
Knochen auftreten. Das primäre Mutationsereignis liegt dabei in einer
Translokation, die einen fehlerhaften Transkriptionsfaktor erzeugt,
der das PDGF-Gen übermäßig aktiviert.
Bei M. Hodgkin führt eine Überproduktion von Wachstumsfaktoren in den
wenigen Hodgkin- und Reed-Sternberg-Zellen zu einer starken Vermehrung
von eigentlich harmlosen Lymphozyten, Histiozyten und Granulozyten,
bis große Lymphome entstehen. Der spezifische Wachstumsfaktor-Cocktail
entscheidet dabei über die Ausformung des histologischen Typs (z. B.
nodulär sklerosierend bei kräftiger Beimischung des Fibroblastenstimulators
TGFβ). Über 99% der Zellen bei M. Hodgkin sind normale, nicht-maligne
Zellen, die nur tun, was ihnen gesagt wird.
Viele Epithelzellen exprimieren einen oder mehrere der vier Typen von
EGF-Rezeptoren: HER1 bis HER4 (Human
EGF Receptor). Diese Rezeptoren können durch eine ganze Reihe von
Wachstumsfaktoren der EGF-Familie aktiviert werden: z. B. EGF, TGFα,
Heregulin. Bronchialepithel exprimiert sowohl Heregulin, als auch alle
vier EGF-Rezeptoren. Ligand und Rezeptor treffen sich normalerweise
jedoch deshalb nicht, da die Rezeptoren ausschließlich nach basolateral
sortiert werden, Heregulin aber ausschließlich apikal sezerniert wird.
Die dichten Zellkontakte der tight
junctions verhindern eine autokrine Stimulation. Dies ändert sich,
sobald eine kleine Verletzung für eine Diskontinuität im Epithel sorgt:
Heregulin kann durch das "Loch" auf die basolaterale Seite
diffundieren und Zellen des Epithels zur Proliferation anregen, bis
der Epitheldefekt wieder geschlossen ist. Dieser sinnvolle Regulationsmechanismus
wirkt jedoch kontraproduktiv, wenn sich ein Bronchuskarzinom entwickelt
hat. Sobald sich Zellen aus dem Epithelverband lösen, wird die Situation
durch autokrine Stimulation des Zellklons verschlimmert, da Wachstumsfaktor
und Rezeptor nun ungehindert interagieren können. Medikamente wie Cetuximab,
Panitumumab (monoklonale Antikörper gegen HER1) oder Erlotinib (ein
niedermolekularer Hemmer der EGF-Rezeptor-Tyrosinkinase) werden beim
nicht-kleinzelligen Bronchuskarzinom eingesetzt, um diese Stimulation
zu unterbinden.
Kinasen
der Klassen II und III
Eine Gruppe von Molekülen, die relativ leicht durch eine Mutation aktiviert
werden, stellen die Kinasen dar. Der Grund liegt darin, dass eine isolierte
Kinasedomäne in der Regel dauernd aktiv ist. Andere Teile des Moleküls
dienen dazu, die Kinasedomäne zu regulieren, das heißt, zeitweilig zu
bremsen. Dieses Prinzip kann gut am Beispiel des Signaltransduktionsmoleküls
c-Src illustriert werden. Die Kinasedomäne von Src wird abgeschaltet,
indem das ganze Molekül wie ein Taschenmesser zusammenklappt und die
Kinasedomäne dadurch unzugänglich macht: ein C-terminal liegendes Tyrosin
wird durch eine übergeordnete Kinase phosphoryliert und bindet dann
an die SH-2-Domäne des N-Terminus. Damit sind leicht Mutationen vorstellbar,
die zur Src-Aktivierung führen: am einfachsten ist eine Punktmutation
oder Deletion am C-Terminus, was jeweils zum Verlust des kritischen
Tyrosins führt; aber auch Mutationen, die die SH-2-Domäne am N-Terminus
betreffen, können funktionell dieselbe Wirkung haben. Generell führt
also der Verlust "bremsender" Molekülteile bei Kinasen leicht
zur Daueraktivierung.
Eine ähnliche Situation besteht beim EGF-Rezeptor. Sein extrazellulärer
Anteil wirkt zunächst bremsend auf die intrazellulär liegende Kinasedomäne.
Diese Hemmung wird physiologischerweise nur durch Bindung von EGF aufgehoben.
Eine Deletion der extrazellulären Domäne oder eine Punktmutation in
der kleinen Transmembranstrecke (bei einem zweiten EGF-Rezeptortyp namens
HER-2/neu) führen aber ebenso zu einer Enthemmung, sodass es für die
Zelle so aussieht, als wären extrazellulär große Mengen EGF vorhanden.
Nach grundsätzlich demselben Prinzip können zahlreiche Kinasen zu Onkogenen
aktiviert werden. Erwähnt seien hier noch c-Raf und c-Abl, wobei letzteres
beim Menschen häufig durch die Philadelphia-Translokation aktiviert
wird, die weiter unten besprochen wird.
Der EGF-Rezeptor HER2 kann jedoch auch durch reine Überexpression, also
ohne jede Veränderung des Moleküls, zur Krebsentstehung beitragen. Das
ist bei etwa einem Viertel der Mammakarzinome der Fall: wenn die Moleküle
dicht an dicht auf der Membran sitzen, phosphorylieren sie einander
auch in der Abwesenheit von Ligand. Dadurch erzeugt sich die Zelle selbst
ein dauerndes Proliferationssignal. Diese Form des Mammakarzinoms hatte
ursprünglich eine sehr schlechte Prognose. Inzwischen ist es möglich,
dieses Signal durch den monoklonalen Antikörper Trastuzumab (Herceptin®)
zu unterbrechen und zugleich die HER2-überexprimierenden Zellen spezifisch
anzugreifen.
Klasse
III: Ras: die Aktivierung eines G-Proteins
Ras driftet, durch einen Farnesylrest verankert, der Plasmamenbran entlang.
An Ras gebunden ist immer ein Guanosinnukleotid: GDP in der abgeschalteten
Form und GTP in der angeschalteten Form. Trifft ein Wachstumssignal
ein, bewirkt ein Austauschfaktor (GEF) das Ersetzen des GDP durch ein
neues GTP. Damit ist Ras eine gewisse Zeit aktiv. Diese Zeit ist limitiert
durch eine in das Ras-Protein integrierte enzymatische Aktivität, eine
Art "Zange", die GTP spaltet, indem sie das letzte der drei
Phosphate "abzwickt". Diese GTPase-Aktivität ist ziemlich
ineffizient, verglichen mit typischen Enzymaktivitäten. Die Aktivität
dieser Zange kann von außen durch GTPase activating proteins (GAP) beschleunigt
werden, doch ist die Zange selbst integraler Bestandteil des Ras-Proteins.
Die zwei Schneideflächen der Zange sind Glycin 12 und Glutamin 61.
Wird eine dieser beiden Aminosäuren durch eine Punktmutation ausgetauscht,
funktioniert die GTPase nicht mehr, und das Ras-Protein wird unabschaltbar.
Die klassische Mutation mit diesem Effekt, die man z. B. häufig in Bronchuskarzinomen
beobachtet, ist der Austausch von Glycin 12 (Codon: GGC) durch
Valin (GTC) oder Cystein (TGC). In beiden Fällen wird also ein G durch
Mutation in ein T verwandelt, ein Austausch, der bei Rauchern durch
Benzpyren-Adduktbildung an Guanin mit Fehleinbau von dATP am gegenüberliegenden
Strang erklärt werden kann (siehe Abschnitt "Mutationen").
Eine Anwendung von personalized
medicine liegt darin, zu bestimmen, ob bei einem Individuum mit
z. B. Bronchuskarzinom die Karzinomzellen aktiviertes Ras aufweisen.
Ist Ras, und damit der gesamte EGF-Signaltransduktionsweg aktiviert,
hat es keinen Sinn, teure anti-EGF-Medikamente wie Antikörper oder EGF-Rezeptor-Kinasehemmer
einzusetzen.
Klasse
IV: Myc: Möglichkeiten der Aktivierung eines Transkriptionsfaktors
c-Myc ist ein Transkriptionsfaktor, der immer aktiviert wird, wenn eine
Zelle in die S-Phase eintreten soll. Durch Mutation kann Myc auf zwei
klassische Arten aktiviert werden:
Amplifikation
Amplifikation bedeutet die Vervielfältigung eines Gens. Die Auslöser und
Mechanismen, die zu diesem eigenartigen Zustand führen, sind nicht geklärt.
Amplifikation tritt in zwei Formen auf, die durch FISH (fluorescent in-situ hybridization) dargestellt werden können:
1. Homogeneous staining regions:
In einem Chromosom tritt ein Genabschnitt auf, der ausschließlich aus
aneinandergereihten Kopien des fraglichen Gens, in unserem Beispiel
des c-MYC-Gens, besteht.
2. Double minute chromosomes
(doppelte winzige Chromosomen): Viele neue, unabhängig Neben den normalen
Chromosomen treten zahlreiche zusätzliche, sehr kleine Chromosomen auf,
die viele Kopien des fraglichen Gens enthalten. [Mdm2, mouse double minute 2, bekam diesen Namen, weil es in dieser Form
amplifiziert in einer Maustumorzelle identifiziert wurde. Eine Amplifikation
der E3-Ubiquitin-Ligase für p53 ist biologisch gleichbedeutend mit dem
Verlust von p53. Mdm2 ist daher ebenfalls ein Protoonkogen, das durch
Amplifikation aktiviert werden kann.]
Die in einer dieser Formen amplifizierten c-MYC -Gene sind an sich normal
aufgebaut; doch gibt es so viele davon, dass, wenn jedes "normal"
funktioniert, insgesamt viel zu viel "normales" Myc-Protein
entsteht, das die Zelle in die S-Phase treibt.
Translokation
Bei der klinischen Form des Burkitt-Lymphoms, eines B-Zelltumors, finden
sich häufig Translokationen, die einerseits das c-MYC -Gen auf Chromosom
8, andererseits einen der drei Immunglobulinloci (Schwere Ketten auf
Chromosom 14, leichte Ketten auf Chromosom 2 oder 22) betreffen. Diese
Form der Translokation wird in B-Zellen dadurch erleichtert, dass die
DNA an den entsprechenden Stellen im Rahmen des Rearrangements geschnitten
wird. Das normale c-MYC -Gen gerät dadurch unter den Einfluss eines
enhancers, der eigentlich dazu da ist, eine sehr starke Expression
der Immunglobulinketten zu bewirken. Resultat: normales c-Myc-Protein
wird in viel zu großen Mengen produziert.
Was für Myc gilt, gilt
auch für viele andere Transkriptionsfaktoren: deren Aktivierung bedeutet
meist, dass ein mehr oder weniger normal funktionierendes Protein in
viel zu großen Mengen exprimiert wird.
Klasse
V: Überexpression von Cyclin D
Translokationen geschehen immer wieder an typischen Stellen: die Kartierung
der Translokationsorte hat manchen Genen, wie bcr (breakpoint cluster region),
den Namen gegeben. Ein anderes Beispiel ist bcl-1 (B-cell leukemia-1),
identifiziert aus der häufig beim Mantelzelllymphom auftretenden Translokation
t(11;14), das sich als Cyclin D herausgestellt hat. Durch die Translokation
kommt es auch in Abwesenheit eines Wachstumssignals zur Expression von
Cyclin D und damit zu einer Proliferationstendenz.
Andere
typische Translokationen
Bcl-2, identifiziert aus der Translokation t(14;18), hat diesen Namen
behalten. Es hat sich später als ein Apoptose-verhinderndes Protein
auf Mitochondrien herausgestellt. Diese Translokation bewirkt kein rascheres
Wachstum, sondern verhindert, dass die Zellen sterben- das daraus resultierende
follikuläre Lymphom ist hochdifferenziert und wächst langsam, mit einem
natürlichen Verlauf von vielen Jahren. Dem steht gegenüber, dass es
in der Regel nicht heilbar ist, da unsere Therapiemöglichkeiten wesentlich
besser gegen rasch proliferierende Zellen wirken.
t(9; 22)- Philadelphia-Translokation: Beteiligt sind die Tyrosinkinase c-abl
und ein Gen, dessen Namen bcr (breakpoint
cluster region) einfach aus der Tatsache stammt, dass das Chromosom
22 häufig an dieser Stelle bricht (es handelt sich in diesem Fall nicht
um den Leichtkettenlokus). Diese Translokation unterscheidet sich von
der eben besprochenen Burkitt-Translokation in einem wichtigen Punkt:
die genaue Lokalisation der Translokation ist innerhalb der beiden betroffenen
Gene. Das bedeutet, dass Fusionsgene entstehen, die "vorn"
dem einen, aber "hinten" dem anderen Gen entsprechen. Von
den beiden entstehenden Fusionsgenen macht sich nur das funktionell
bemerkbar, das "vorn" bcr und "hinten" abl entspricht. Durch Transkription dieses
Fusionsgens entsteht eine Fusions-mRNA; weiter durch Translation ein
Fusionsprotein: ein Protein also, dass in dieser Form normalerweise
beim Menschen nicht existiert und eine dauernd aktive Tyrosinkinase
darstellt.
Pharmakologische Querverstrebung: Novartis hat einen spezifischen Hemmer
gegen dieses Protein entwickelt (Imatinib, Glivec®), der
hervorragende Ergebnisse in der klinischen Erprobung bei CML und anderen
Ph+ -Leukämien erbracht hat.
6.
Mutationsarten bei der menschlichen Krebsentstehung: Zusammenfassung
nach formalen Kriterien
Formal lassen sich drei große Gruppen von Mutationsarten unterscheiden:
1. Punktmutationen, Deletionen, Insertionen
Beispiele:
Proto/-Onkogene: EGF-Rezeptor, Src, Ras: nicht abschaltbare Proteine
Antionkogene: Rb, p53: inaktive Proteine
2. Amplifikationen
Beispiele: Myc, Mdm2: normales Protein stark überexprimiert
3. Translokationen
Beispiele:
Burkitt-Typ: Myc, normales Protein
stark überexprimiert
Philadelphia-Typ: Bcr-Abl, Fusionsprotein nicht abschaltbar oder überexprimiert
7.
Viren
Beitrag von Viren zur
Krebsentstehung beim Menschen
Manche Viren fördern die Entstehung spezifischer Neoplasien:
HPV Zervixkarzinom
EBV Burkitt-Lymphom,
M. Hodgkin, nasopharyngeales Karzinom
HBV, HCV Hepatozelluläres
Karzinom
HHV-8 Kaposi-Sarkom
MCV Merkelzell-Karzinom
HTLV-1 adulte
T-Zell-Leukämie
Dies geschieht nicht nach einem einheitlichen Mechanismus. Unter den beim
Menschen Tumoren fördernden Viren überwiegen DNA-Viren. DNA-Viren profitieren
davon, Zellen in S-Phase zu treiben, da dann das Material –Nukleotide,
Polymerasen— für die Replikation ihres Genoms reichlich zur Verfügung
steht. Die Mechanismen, über die dieser Effekt erreicht wird, sind verschieden.
Für das humane
Papillomavirus (HPV) wurde er bereits im Abschnitt über Rb und p53
erwähnt: spezielle Proteine, E7 und E6, führen zur Inaktivierung dieser
beiden zentralen Tumorsuppressoren. "E" steht dabei für "early",
die Gruppe von Proteinen, die früh nach Infektion einer Zelle exprimiert
werden. Papillomviren infizieren Plattenepithelzellen und führen meist
zu gutartigen Warzen; etwa ein drittel der ca. 100 Typen wird sexuell
übertragen. Nur wenige Serotypen, wie 16, 18, 31, 33, 35, 45
verursachen den Großteil aller Zervixkarzinome. Der Prozess beginnt
mit einer chronischen Infektion des Zervix-Plattenepithels, die die
Zellproliferation antreibt. Während das Virus normalerweise episomal
bleibt, findet man es bei Zerviskarzinomen ins Genom integriert. Dies
ist anscheinend eher ein Unfall als ein typischer Teil der Virusfunktion
wie bei Retroviren oder Hepetitis B Virus. Jedenfalls führt die Integration
zu den höchsten E7-Spiegeln, da das Gen des Gegenspielers E2 dabei häufig
inaktiviert wird. Impfung gegen die häufigsten Hochrisiko-HPV-Typen
verhindert die chronische Infektion und sollte daher die Entstehung
eines Zervixkarzinoms verhindern, wenn Mädchen vor dem Beginn sexueller
Beziehungen immunisiert werden. Der Impfstoff besteht aus dem rekombinant
hergestellten Kapsidprotein des L1-Gens (late),
das spontan so genannte virus
like particles bildet. Papanicolaou-Abstriche müssen trotzdem gemacht
werden, da die gegenwärtigen Präparate (z. B. Gardasil®,
Cervarix®) nicht
alle relevanten Virustypen abdecken.
Die Erstinfektion mit dem der Herpesgruppe angehörenden
Epstein-Barr-Virus (infektiöse Mononukleose oder Pfeiffersches
Drüsenfieber) betrifft meist Jugendliche, da es mit dem Speichel übertragen
wird (kissing disease). Das Virus befällt zunächst
die Epithelien von Mundhöhle und Rachen, danach die unter den Schleimhäuten
befindlichen B-Lymphozyten. B-Zellen werden durch den Virusbefall aktiviert
und beginnen zu proliferieren. Ein System von mehreren viralen Proteinen
fixiert die Zellen in diesem expandierenden Zustand; die Zellen reifen
nicht aus und gehen auch von sich aus nicht mehr in Apoptose. Gewöhnlich
werden Viruserkrankungen über zytotoxische T-Zellen kontrolliert, die
mit ihrem T-Zellrezeptor virusbefallene Zellen an den auf MHC-I präsentierten
Fremd(Virus-)peptiden erkennen und abtöten. Auf diese Weise wird über
Wochen auch die infektiöse Mononukleose bekämpft, so dass die Lymphknotenschwellungen
allmählich zurückgehen. Das EBV-Virus wird allerdings nicht mehr komplett
eliminiert. Restliche infizierte Zellen können nach Jahren zum Ausgangspunkt
für Burkitt-Lymhom, Mb. Hodgkin oder nasopharyngeale Karzinome werden.
Im Afrika südlich der Sahara ist das Burkitt-Lymphom wesentlich häufiger,
die Beziehung zwischen EBV-Virus und Burkitt-Lymphom wesentlich ausgeprägter
als in Europa. Ein Erklärungsversuch sieht die Ursache dafür in einem
Kombinationseffekt zwischen der EBV-Infektion und der verbreiteten Malaria,
welche die zytotoxische T-Zellantwort bremst und die B-Zellstimulation
weiter steigert. Diese verstärkte, chronische Stimulation wäre der Nährboden
für die durch Fehlrearrangement entstandenen, für das Burkitt-Lymphom
typischen Translokationen, die zur Überexpression des c-MYC-Gens führen.
Über die Mechanismen der Förderung der Entstehung von
Leberzellkarzinomen durch Hepatitis B und –C Viren
besteht noch keine endgültige Klarheit. Da in der Mehrheit der Fälle
chronische Hepatitis und Zirrhose um Jahre vorausgehen, dürften reaktive
Verbindungen, die in Zusammenhang mit der chronischen Entzündung entstehen,
vermehrt Mutationen auslösen. Die Auswirkungen dieser Mutationen werden
verstärkt durch den Tumorpromoter-Effekt chronischer Regenerationsversuche.
Im Fall des HBV, dessen Genom zwar aus DNA besteht, das dem Lebenszyklus
nach allerdings eher ein Retrovirus darstellt, werden noch zwei weitere
Mechanismen diskutiert: eine Rolle der Integration des Virus in das
Genom der Wirtszelle (z. B. durch Inaktivierung eines Antionkogens)
sowie eine Rolle des X-Proteins. Das X-Protein ist das Produkt des vierten
Gens des winzigen HBV. Sein Name rührt daher, dass seine Funktion im
Gegensatz zu den drei anderen Genen (für HBs-Antigen, HBc-Antigen und
Polymerase) unklar war. Diese Unklarheit hält an: zahlreiche Arbeiten
haben verschiedenen Mechanismen vorgeschlagen, mittels derer das X-Protein
vermeintlich die Entstehung von Leberzellkarzinom begünstigt; eine allgemein
akzeptierte Lösung zeichnet sich allerdings noch nicht ab.
Das bei AIDS-Patienten häufiger, sonst sehr selten auftretende
Kaposi-Sarkom wird eigentlich durch das humane Herpesvirus Typ
8 (HHV-8) ausgelöst. Allerdings ist dieses Virus bei normaler
Immunabwehr nicht pathogen; erst bei massiv kompromittiertem Immunstatus
wie eben in Kombination mit dem HIV-Virus wirkt es auf Endothelzellen
onkogen. Wahrscheinlich tragen mehrere Gene des Virus zu diesem Effekt
bei; darunter zwei, die für Homologe zu humanem Bcl-2 und Cyclin D kodieren.
Das Merkelzell-Karzinom ist ein seltener neuroektodermaler
Hauttumor, der vom sensorischen Merkelzell-Organ ausgeht und offenbar
häufig durch das Merkel cell polyoma virus (MCV)
ausgelöst wird. Ähnlich SV40 exprimiert es ein large T-Protein, von dem man annehmen kann, dass es Rb und p53 inaktiviert.
In den Tumorzellen findet man in der Regel eine Helicase-defiziente,
ins Wirtsgenom integrierte Kopie des Virus. Auch dieses häufige Virus
wird gewöhnlich durch das Immunsystem unter Kontrolle gehalten.
HTLV-1 (human
T-cell leukemia virus oder human
T-lymphotropic virus) ist ein Retrovirus, das in Südwestjapan, der
Karibik, Teilen Südamerikas und Zentralafrikas endemisch ist und sexuell
sowie mit der Muttermilch übertragen wird. Es trägt zur Entstehung der
adulten T-Zelleukämie bei, indem es die Population von T-Zellen expandiert
und damit die Wahrscheinlichkeit des Auftretens weiterer Mutationen
in T-Zellen erhöht.
Die
klassischen tumorauslösenden (Tier-) Retroviren
Die klassischen Retroviren spielen zwar keine direkte Rolle für die Entstehung
maligner Neoplasien beim Menschen, hatten aber außerordentliche Bedeutung
für die Identifikation zahlreicher für die menschliche Krebsentstehung
relevanter Moleküle. Retroviren sind RNA-Viren, die nach Infektion einer
Zelle ihr eigenes Genom mit Hilfe einer reversen Transkriptase in DNA
umschreiben. Nach Vervollständigung des zweiten Stranges durch DNA-Polymerase
der Wirtszelle inseriert diese provirale Genomform in das Wirtsgenom.
Durch Transkription dieser Einheit entstehen einerseits die mRNAs für
die benötigten Virusproteine, andererseits genomische RNAs zur Bildung
neuer Viren. Die Transkription dieser proviralen Einheit wird aktiviert
durch eine an beiden Enden gelegene regulatorische Sequenz, die als
LTR (long terminal repeat) bezeichnet wird.
Die dazwischen gelegenen Strukturgene werden in die Gruppen gag, pol
und env gegliedert. Gag (group-specific antigen) kodiert die Proteinbestandteile des Nukleokapsids,
pol die Polymerase/ reverse
Transkriptase, env die Hüllproteine
(envelope) des Virus.
Retroviren können die Tumorentstehung durch zwei prinzipielle Mechanismen
fördern: durch insertionale Mutagenese oder durch die Aufnahme eines
Onkogens.
Insertionale Mutagenese bedeutet eine genetische Veränderung durch
den Zufallsprozess der Virusinsertion. Inseriert das Virus z. B. in
der Nähe eines Gens für einen Wachstumsfaktor oder einen Transkriptionsfaktor,
wirken die LTRs des Virus auch auf dieses Gen transkriptionsverstärkend.
Das Mäuse befallende Mouse Mammary Tumor Virus (MMTV) enthält kein Onkogen.
Es führt aber zur Überexpression des Wachstumsfaktors Wnt, wenn es nahe
des Wnt-Gens in das Chromosom inseriert. Diese autoendokrine Form der
Aktivierung des Wnt-Signaltranduktionweges trägt bei Mäusen zur Mammakarzinom-Entstehung
bei.
Die zweite Art, wie Retroviren zur Tumorentstehung beitragen können, ist
durch Aufnahme eines Onkogens
in das Virusgenom. Dieses Ereignis ist selten; die bekannten Viren dieses
Typs sind nur durch mehrere unabhängige Rekombinationsereignisse inklusive
einer reversen Transkription der mRNA des wachstumsfördernden Gens zu
erklären. Ist jedoch einmal ein replikationsfähiges Virus dieses Typs
entstanden, überexprimieren alle virusinfizierten Zellen dieses Gen.
Wegen ihrer tumorfördernden Wirkung wurden solche "Virusgene"
zu einer Zeit, als noch wenig über die Wachstumsregulation in Wirbeltierzellen
bekannt war, "Onkogene" genannt. Erst später erkannte man
die Beziehung dieser viralen Onkogene zu normalen, in die Wachstumsregulation von Wirbeltieren eingebundenen Genen, die man
deswegen als "Protoonkogene" bezeichnete. Die in Tumor-Retroviren
aufgenommenen Onkogene liegen in der Regel in einer mutierten Form vor,
so dass sie nicht abschaltbare, daueraktive Proteine kodieren.
8.
HYPOXIE UND Tumor-Angiogenese
Die
bisher besprochenen genetischen Veränderungen beziehen sich auf die
Entwicklung bis zur "ersten" malignen Zelle. Diese stellt
jedoch keinen Endpunkt dar. Eine kritische Bedingung für die weitere
Tumorentwicklung ist die Versorgung der proliferierenden Zellen mit
Energieträgern und Sauerstoff. Mit dem autonomen Wachstum der Tumorzellen
wird bald der Punkt erreicht, an dem die Diffusionsstrecken zu lange
sind, um zentral lokalisierte Zellen hinreichend zu versorgen. Der so
entstehende Sauerstoffmangel setzt zwei für die weitere Entwicklung
des Tumors bedeutsame Mechanismen in Gang.
Die
erste Folge der Hypoxie stellt die Induktion von p53 dar. Falls der
betroffene Zellklon bezüglich p53 noch intakt ist, führt dieser normale
Regulationsmechanismus zum G1-Arrest, bei längerem Einwirken zur Apoptose
der Zellen im zentralen, unterversorgten Gebiet des Tumors. Das bedeutet,
dass in diesem Gebiet ein starker Selektionsdruck gegen funktionelles
p53 entsteht: eine Zelle, die p53 verliert, kann sich als einzige gegen
die stillgelegten Konkurrenten behaupten und einen neuen, nunmehr um
den Verlust von p53 maligneren Zellklon bilden. Die entsprechenden Zellen
haben damit den DNA-damage-checkpoint
verloren, zeigen chromosomale Instabilität und akkumulieren wesentlich
rascher weitere kritische Mutationen. Dieser Mechanismus, durch den
Hypoxie den Verlust von p53 begünstigt, könnte die Ursache dafür sein,
dass p53 das am häufigsten mutierte Molekül in der Krebsentstehung ist.
Der
zweite Mechanismus wird über die bereits am Beginn dieses Skriptums
besprochene sauerstoffabhängige Hydroxylierung, Ubiquitinierung und
Degradation des Transkriptionsfaktors HIF-1 vermittelt. HIF-1 wirkt
in allen Zellen bei Sauerstoffmangel als Transkriptionsfaktor. Während
es nur in der Niere nennenswert Erythropoetin induziert, induziert es
in vielen Geweben eine Reihe anderer Gene, die der Zelle
in Summe eine sinnvolle Antwort auf die Hypoxie-Situation ermöglichen.
Induktion von NO-Synthase führt über Stickstoff-Monoxid-Produktion zu
einer maximalen Weitstellung der Blutgefäße. Anaerobe Glykolyse wird
durch Induktion der Glucose-Transporter GLUT1 und GLUT3 sowie der Enzyme
Hexokinase und Lactat-dehydrogenase (LDH) gefördert. Bei Sauerstoffmangel
im zentralen Tumorgebiet führt die Akkumulation von HIF-1 zur Induktion
des Signalmoleküls VEGF (Vascular
Endothelial Growth Factor). Sezerniertes VEGF diffundiert entlang
der extrazellulären Matrix radial in alle Richtungen, erreicht das Endothel
der nächstgelegenen Blutgefäße und regt dieses zur Sprossung an, so
dass neue Gefäßabzweigungen in Richtung des VEGF-Konzentrationsgradienten
und damit in Richtung des unterversorgten Gebiets entstehen. Die einwachsenden
Gefäße erreichen so das zentrale Tumorareal und verbessern die Versorgung
dieser Zellen, die inzwischen eventuell p53 verloren haben. Sie erfüllen
damit eine notwendige Bedingung für den nächsten Schritt in der Entwicklung
eines malignen Tumors: nur, wenn der Tumor mit Gefäßen versorgt ist,
kann er auf dem Blutweg metastasieren.
Die
Überlegung, diesen Weg der Tumorprogression zu blockieren, führte zur
Entwicklung des humanisierten monoklonalen anti-VEGF-Antikörpers Bevacizumab
(Avastin®), der z. B. zur Therapie des metastasierenden kolorektalen
Karzinoms und nicht-kleinzelligen Bronchuskarzinoms eingesetzt wird.
Zu erwartende Nebenwirkungen der Interferenz mit der Gefäßneubildung
sind notwendigerweise Wundheilungsstörungen –kritisch bei Tumorpatienten,
die oft unvorhergesehen operiert werden müssen--, Blutungen und Teratogenität.
9.
Infiltration und Metastasierung
Die
bisher besprochenen Veränderungen des Zellgenoms durch Mutationen konzentrierten
sich auf Gene, die das Proliferationsverhalten der Zellen beeinflussen.
Verstärkte Proliferation bedeutet aber noch nicht Malignität oder Metastasierung,
sondern nur benigne lokale Ausbreitung und Tumorbildung. Allerdings
wirken dieselben Mutationsarten, die für wachstumsrelevante Gene bereits
besprochen wurden, auch auf Gene, die für die Verankerung, die Migrationsfähigkeit
sowie die Überlebensfähigkeit von Zellen wichtig sind. Diese Veränderungen
verschieben die Charakteristik eines Tumors z. B. vom Carcinoma
in situ über ein lokal infiltrierendes und destruierendes Stadium
zur Fernmetastasierung.
Infiltration
und Metastasierung wird durch folgende Veränderungen von Zellen gefördert:
·
Verminderte Expression oder
direkte Mutation von Adhäsionsmolekülen wie N-CAM oder E-Cadherin, sowie
von β-Catenin, das E-Cadherin am Zytoskelett verankert, ermöglichen
das Ablösen von Einzelzellen aus einem Zellverband.
·
Verlust der Zellpolarität und
veränderte Affinität zu Komponenten der extrazellulären Matrix. Normale
Epithelzellen sind polarisiert: sie haben nur basal Rezeptoren für Laminin
und Fibronektin, mit denen sie an die extrazelluläre Matrix in Form
der Basalmembran binden. Wie ein Boot auf dem Wasser, "schwimmen"
die Zellen auf der Oberfläche der extrazellulären Matrix; sie haben
keine Tendenz, in diese "einzutauchen". Diese ungleiche Verteilung
der Rezeptoren wird durch Sortierungs- und Transportproteine im Inneren
der Zelle aufrechterhalten. Änderungen in der Expression dieser Rezeptoren
und Sortierungsproteine können dazu führen, dass die Rezeptoren gleichmäßig
über die gesamte Zelloberfläche verteilt werden; die Zelle taucht damit
in das subepitheliale Bindegewebe ein.
·
Aktivierung der Fähigkeit zum
Abbau extrazellulärer Matrix. Invasion der extrazellulären Matrix wird
erleichtert durch vorherigen lokalen Abbau. Dieser wird durch verschiedene
Familien von Proteasen bewirkt, unter denen die Matrix-Metalloproteinasen
wie Kollagenase oder Stromelysin von besonderer Bedeutung sind. MT1-MMP
(membrane-type matrix metalloproteinase)
wird z. B. sekundär durch Verlust des APC-Antionkogens oder
durch Überexpression von β-Catenin exprimiert (siehe Abschnitt
Kolonkarzinom), da die Transkription dieses Gens, wie jene von c-Myc,
durch den β-Catenin/Tcf4-Komplex aktiviert wird.
·
Verstärkte Tendenz zur Lokomotion.
So, wie es extrazelluläre Signalmoleküle gibt, die das Wachstum von
Zellen fördern, existieren auch Signalmoleküle, die die Wandertendenz
von Zellen beeinflussen. Einer von diesen ist hepatocyte growth factor, dessen Rezeptor
durch das c-Met–Protoonkogen kodiert wird. Tumorzellen, die c-Met überexprimieren,
zeigen verstärkte Beweglichkeit.
·
Autonomie von den sonst für
das Überleben einer Zelle notwendigen Gewebssignalen. Die molekulare
Basis dieser Autonomie wird noch nicht hinreichend verstanden, doch
ist klar, dass Zellen nicht nur für ihre Proliferation, sondern auch
für ihr bloßes Überleben auf extrazelluläre Information angewiesen ist,
die den weiter bestehenden Bedarf nach dieser Zelle signalisiert. Dieses
Signal ist im Ursprungsgewebe normalerweise vorhanden, fehlt aber, sobald
die Zelle dieses verlässt (anoikis),
so dass die auswandernde Zelle automatisch z. B. durch Induktion eines
ähnlich wie Bax wirkenden Proteins, Bmf, in Apoptose geht. Aus experimentellen
Befunden ist bekannt, dass für jede Zelle, der es gelingt, in einem
Fremdgewebe eine Metastase zu etablieren, tausende im Blutstrom verschleppte
Zellen zugrunde gehen. Neben dem Verlust Apoptose-induzierender Proteine
findet man auch zu hohen Prozentsätzen Überexpression des Apoptose-hemmenden
Proteins Bcl-2, z. B., wie erwähnt, beim follikulären Lymphom, beim
Hormon-refraktären Prostata-Karzinom (90-100%), beim malignen Melanom
(90%), oder beim Östrogen-Rezeptor-positiven Mammakarzinom (80-90%).
Diese Liste an Veränderungen bedeutet nicht, dass
für jede einzelne Veränderung eine eigene Mutation benötigt wird. Das
Auswandern von Zellen aus einem epithelialen Verband ist ein in bestimmten
Situationen notwendiger, physiologischer Vorgang. So lösen sich in der
Embryonalentwicklung Vorläufer von Melanozyten und peripheren Neuronen
aus dem epithelialen Neuralrohr und wandern in die Peripherie. Diese
so genannte Epithelial-Mesenchymale Transition (EMT) wird auch beim
Erwachsenen zur Wundheilung verwendet. Bei einer Verletzung wird beispielsweise
ein kleiner Schnitt der Haut zunächst durch einen Fibrinpfropf verschlossen.
Aus dem Epithelverband der benachbarten Epidermis lösen sich dann Zellen
per EMT, wandern als morphologisch mesenchymale Zellen im Bindegewebe
unter den Fibrinpfropf ein und verwandeln sich dort zurück in eine epitheliale
Zellschicht. Die Rückverwandlung bezeichnet man als Mesenchymal-Epitheliale
Transition (MET). Mit anderen Worten: von einem epithelialen Gewebe
ausgehende lokale Infiltration ist am richtigen Ort und zur richtigen
Zeit ein komplexes physiologisches Programm, das ein- und ausschaltbar
ist. Ein "Hauptschalter" in diesem Programm ist beispielsweise
der Transkriptionsfaktor Twist, der im Experiment epitheliale Zellen
in mesenchymale Zellen umprogrammieren kann. Bei der lokalen Infiltration
eines Karzinoms wird dieses Programm zur Unzeit aktiviert. Die Ursachen
dieser Aktivierung sind noch nicht ausreichend klar; Interaktionen mit
Zellen des Bindegewebes scheinen eine große Rolle zu spielen; auch Mutationen,
die sich auf die Aktivität der Hauptschalter auswirken, sind als Ursache
vorstellbar.
10. Immunantworten gegen Tumoren
Erfolgreiches
Bekämpfen eines Tumors mittels einer Immunantwort ist möglich
Zu dieser Aussage führt folgendes experimentelle
System: Zellen aus dem Tumor einer Maus werden in ein anderes Individuum
desselben Mausstamms übertragen. Wenn die zweite Maus vorher mit bestrahlten
Tumorzellen der ersten Maus geimpft wurde, ist sie in der Lage, eine
Dosis injizierter Tumorzellen niederzukämpfen, die für nicht vorbehandelte
Mäuse letal wäre.
Dieser Schutz
ist T-Zell-abhängig: er existiert nicht in T-Zell-defizienten Mäusen,
kann aber durch adoptive transfer
von T-Zellen übertragen werden.
Dieser Schutz
ist auch Antigen-abhängig, da er nicht gegen einen anderen Tumortyp
desselben Mausstamms wirkt. Tumoren exprimieren also antigene Peptide,
die zum Ziel einer Tumor-spezifischen T-Zellantwort werden können. Solche
Peptide werden auf MHC-I päsentiert und werden als tumor
rejection antigens bezeichnet.
Solche tumor rejection antigens wurden auch für menschliche Tumoren definiert:
als Peptide in MHC-I, die von aus Patienten isolierten T-Zellen erkannt
werden. In jedem Fall gibt es eine Erklärung dafür, dass die entsprechenden
T-Zellklone nicht schon ausgeschaltet (eliminiert oder tolerisiert)
wurden:
1.
unique: mutiertes Peptid
2.
ektopisch exprimierte Antigene aus der Fetalperiode oder aus immunologisch
privilegierten Zonen (z. b. Hoden)
3.
Zell-spezifische Differenzierungsantigene (Melanozyten: Enzyme für Melanin)
4.
stark überexprimierte Proteine (z. B. HER-2/neu im Mammakarzinom)
5.
Proteine mit abnormalen posttranslationalen Modifikationen (z. B. hypoglykosyliertes
Mucin)
6.
Virusproteine (z. B. HPV E6 und E7)
Obwohl solche
Immunantworten gegen Tumoren nicht selten gefunden werden, führen sie
nur in seltenen Ausnahmefällen zur Elimination des Tumors (seltene spontane
Remissionen von malignen Melanomen treten auf), zumindest, wenn der
Tumor bereits diagnostiziert wurde. Es ist allerdings nicht auszuschließen,
dass solche Eliminationen in einem frühen Stadium häufiger sind, allerdings
wird der Tumor dann nicht bemerkbar. Daher die Frage: Gibt es immune surveillance?
Gibt
es immune surveillance für neoplastische Zellen?
Der Ausdruck "immune surveillance" wurde von Frank
MacFarlane Burnet (1899-1985, Selektionshypothese) in den frühen Tagen
der Immunologie (1967) geprägt und drückt die Erwartung/Hoffnung aus,
dass das Immunsystem in der Lage sei, neu entstehende entartete Zellen
zu erkennen und zu eliminieren. Die Beweislage für das Existieren einer
effizienten derartigen Überwachung in der in
vivo-Situation ist allerdings leider dürftig. Die Inzidenz der häufigsten
Tumoren ist in Mäusen oder Menschen mit T-Zell-Defekten nicht wesentlich
verändert. Jene Tumoren, die in dieser Situation tatsächlich häufiger
auftreten, sind Virus-induziert. Der Unterschied ist leicht dadurch
zu erklären, dass Viren "fremde" Peptide kodieren, die T-Zellen
stimulieren. Diese Ergebnisse aus genetisch bedingten Immundefizienzsyndromen
korrelieren gut mit Befunden in AIDS-Patienten. Die bei diesen Patienten
erhöhte Frequenz von Analtumoren lässt sich auf sexuell erworbene HPV-Infektionen
zurückführen; die Häufigkeit kolorektaler Karzinome anderer Lokalisation
ist unverändert. Auch das im AIDS-Vollbild gehäuft auftretende Kaposi-Sarkom
ist viral, nämlich durch humanes Herpesvirus 8, induziert.
Zur
Zeit ist man sich über das Existieren einer effizienten immune
surveillance bezüglich epithelialer, nicht-Virus-induzierter Tumoren
nicht einig. Die im vorherigen Absatz beschriebenen Befunde sprechen
dagegen.
Dafür sprechen jedoch ebenfalls
einige Befunde:
·
In Patienten mit Organtransplantaten, im speziellen Lebertransplantaten,
die über lange Zeit immunsupprimiert werden, treten Hauttumoren im Lauf
der Jahre häufiger auf. Das betrifft in erster Linie Plattenepithelkarzinome,
aber auch Basaliome und Maligne Melanome.
·
Mehrere Knockout-Mausstämme, bei denen Gene mit zentralen Funktionen
für das Immunsystem ausgeschaltet wurden, zeigen erhöhte Tumorinzidenz
nach einer Exposition gegen das chemische Karzinogen Methylcholanthren,
z. B. RAG2, IFNγ, IFNγ-R, STAT1 und Perforin.
·
In einer retrospektiven Untersuchung der Krankheitsverläufe von Patientinnen
mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom ergab sich ein wesentlicher Einfluss
von Tumor-infiltrierenden T-Lymphozyten. Patientinnen mit zahlreichen
Tumor-infiltrierenden Lymphozyten hatten einen wesentlich günstigeren
Krankheitsverlauf.
Kein valides Argument gegen
eine effiziente immunosurveillance
ist die Tatsache, dass überhaupt Tumoren auftreten, und dass bei bestehenden
Tumoren histologisch meist keine Immunreaktion zu beobachten ist. Auch
bei einer funktionierenden immune
surveillance wären beobachtbare Tumoren solche, die eben dadurch
selektioniert sind, dieser Überwachung entkommen zu sein.
Falls es einen
immune surveillance-Mechanismus gibt, existieren
mehrere Möglichkeiten diesem zu entkommen. Voraussetzung, eine effiziente
zytotoxische T-Zellantwort in Gang zu bringen, ist die Präsentation
von non-self-Peptiden in MHC-I
auf der Tumorzelle, in Kombination mit kostimulatorischen Molekülen,
wie B7, die notwendig sind, um naive T-Zellen zu stimulieren. Ohne Kostimulation
bewirkt das präsentierte Peptid periphere Anergie, also eine Tolerisierung,
in naiven T-Zellen. Die T-Zell-stimulatorische Kombination ist selten
gegeben, da die überwiegende Mehrzahl der Peptide self
repräsentiert und Tumorzellen in der Regel nicht über kostimulatorische
Moleküle verfügen. Sollte eine vollständige Konstellation einmal eine
T-Zellantwort in Gang bringen, haben solche Zellen einen Selektionsvorteil,
die durch Mutation einen wesentlichen Teil dieser Konstellation (z.
B. das spezifische MHC-I-Molekül, das das kritische Peptid bindet) verlieren.
Schließlich produzieren Tumorzellen manchmal immunsuppressive Zytokine,
z. B. TGF-β, das T-Zellen direkt hemmt.
Ein zusätzliches,
experimentell intensiv untersuchtes, aber in seiner Bedeutung für die
in vivo-Situation unklares Modell für eine mögliche frühzeitige Elimination
von Tumorzellen ist die Aktivierung von NK-Zellen. Eine solche Aktivierung
kann einerseits durch das Fehlen von NK-hemmenden MHC-I-Molekülen ausgelöst
werden, andererseits auch durch Stress-induzierte Liganden, die nach
Zellstress-Situationen auf der Oberfläche von Zellen exprimiert werden
und direkt NK-aktivierende Funktion haben.
Intervention
zur Induktion einer Anti-Tumor-Immunantwort:
Der Mangel an
Befunden, die für eine größere Bedeutung von Immunantworten in der unbehandelten
in vivo-Situation sprechen, steht in scharfem
Gegensatz zu experimentellen oder therapeutischen Ansätzen, in denen
starke Immunantworten durch gezielte Interventionen in Gang gebracht
werden können. Diese Interventionen umfassen z. B. die Immunisierung
mit Tumorantigenen oder, neuerdings, komplexe Protokolle, die z. B.
die ex vivo-Reinigung, Vermehrung und Reinfusion
von dendritischen Zellen beinhalten.
Eines der im
Menschen am besten studierten Modelle ist das maligne Melanom. Hier
gibt es folgende definierten Antigene:
·
MAGE-Antigene (Melanoma AntiGen Encoding gene- nicht exprimiert in normalen adulten
Geweben außer dem Hoden)
·
Peptide des Enzyms Tyrosinase (1. Schritt der Melaninproduktion)
·
gp100 (Differenzierungsantigen von Melanozyten)
·
MART1 (Melanoma Antigen Recognized
by T cells; Differenzierungsantigen von Melanozyten)
·
gp75 (Differenzierungsantigen von Melanozyten)
Melanompatienten wurden
mit diesen Antigenen in vielen verschiedenen Spielarten immunisiert.
Zwei Protokoll-Typen zeigen in manchen Studien ermutigende Ergebnisse:
einerseits eine direkte Immunisierung mit den Antigenen oder Peptiden
daraus in Kombination mit verschiedenen Adjuvantien und/oder Zytokinen
(GM-CSF, IL-2, IL-12); andererseits die Immunisierung mit autologen
dendritischen Zellen, die in vitro mit diesen Antigenen beladen wurden:
Kostimulatorisch wirkende Moleküle wie B7 helfen so, naive T-Zellen
zu stimulieren. Für beide Strategien gibt es Studien, die response rates in der Größenordnung von 20 bis 30 % zeigen, jedoch
auch Studien, die keinerlei Effekt finden.
Eine kritische
Möglichkeit für Nebenwirkungen, die im Auge behalten werden muss, ist
das Auslösen einer Autoimmunreaktion gegen das Ursprungsgewebe des Tumors.
Am Beispiel Melanom wird dies illustriert durch in einigen Fällen auftretende
Vitiligo.
11.
Resistenzmechanismen: genetische Plastizität von Tumoren unter Therapie
Dieselben Mutationsmechanismen, die zur Entstehung der ersten malignen
Zelle geführt haben, wirken unverändert in der weiteren Entwicklung
der Neoplasie. Sie sind bestimmend für die Fähigkeit bestimmter Subklone
des Tumors, Resistenz gegen Chemotherapie zu entwickeln.
Eine in der Chemotherapie häufig eingesetzte Substanzklasse
stellen die Alkylantien dar. Musterbeispiel ist Cyclophosphamid (Endoxan®).
Das Prinzip ihrer Wirksamkeit liegt in ihrer Fähigkeit, kovalente Bindungen
mit Atomen in Makromolekülen einzugehen, die über freie Elektronenpaare
verfügen. Sehr ähnlich der schon besprochenen Wirkung von Aflatoxin,
binden sie z. B. an das O6 oder
N7-Atom von Guanin. Einer der möglichen Mechanismen der Resistenzentwicklung
gegen Alkylantien beruht darauf, dass Zellen sich zu einem gewissen
Grad vor dieser Art von Molekülen schützen, indem sie ein Abwehrmolekül
produzieren, Glutathion, das ein Schwefelatom mit vielen freien Elektronenpaaren
beinhaltet. Jedes Alkylantienmolekül, das durch ein Glutathionmolekül
abgefangen wird, steht nicht mehr zur Schädigung der DNA zur Verfügung.
Glutathion wird durch Glutathion-S-transferase an das alkylierende Molekül
gekoppelt. Ein Mechanismus, mit dem Tumorzellen Resistenz gegen Alkylantien
erreichen können, besteht darin, dieses Enzym überzuexprimieren.
Methotrexat, aus der Substanzklasse der "Antimetaboliten",
entfaltet seine Antitumorwirkung durch Hemmung der Nukleotidsynthese.
In der Purinsynthese, sowie bei der Synthese von Thymin aus Uracil,
ist die Übertragung einzelner Kohlenstoffatome notwendig. Für diese
C1-Gruppenübertragungen ist als Kofaktor Tetrahydrofolsäure notwendig,
das sich bei der Reaktion zu Dihydrofolsäure verbraucht. Um dieses wieder
zu Tetrahydrofolsäure zu regenerieren dient das Enzym Dihydrofolatreductase
(DHFR, bereits als E2F-Zielgen erwähnt). Methotrexat ist ein Folsäureanalogon,
das sich an das Enzym bindet und es blockiert. Tumorzellen können resistent
gegen Methotrexat werden, wenn es ihnen gelingt, die Zahl an DHFR-Molekülen
so weit zu steigern, dass die in der Zelle befindlichen Methotrexat-Moleküle
nicht mehr jedes DHFR-Molekül blockieren können. Dies gelingt ihnen
durch Amplifikation des DHFR-Gens.
Vinca-Alkaloide wie Vincristin (Oncovin®) sind pflanzliche
Produkte aus der rosafarbenen Catharanthe (Catharanthus roseus,
früher Vinca rosea). Vincristin bindet an Tubulin-Monomere
und verhindert damit dessen Polymerisierung zu den Microtubuli der mitotischen
Spindel. Eine Möglichkeit der Resistenzentwicklung besteht darin, Tubulin
durch Austauschmutation so zu modifizieren, dass es einerseits immer
noch funktioniert, andererseits aber nicht mehr Vincristin bindet. Eine
andere Möglichkeit der Resistenzentwicklung ist äußerst negativ für
die Behandlungsaussichten: Amplifikation des MDR1-Gens (multi-drug
resistance). Das MDR1-Gen kodiert ein Membranprotein, P-Glykoprotein,
das als unspezifische Pumpe fungiert, die Fremdmoleküle aus der Zelle
hinauspumpt. Eine diese Pumpe überexprimierende Tumorzelle ist nicht
nur gegen Vincristin resistent, sonder auch gegen z. B. das Streptomyces-Produkt
Doxorubicin (Adriamycin®) und mehrere andere Chemotherapeutika.
Ein wichtiger Bestandteil von Chemotherapien gegen Lymphome
und lymphatische Leukämien sind Glucocorticoide, die in diesen Zellen
Apoptose induzieren. Zellen werden gegen Glucocorticoide resistent,
indem der Glucocorticoid-Rezeptor durch Mutationen seine Funktion verliert
oder kaum mehr exprimiert wird.
Diese Beispiele sollen folgende Prinzipien illustrieren:
• Der Prozess von Mutation
und Selektion, der ursprünglich zur Entstehung der malignen Neoplasie
geführt hat, dauert unter chemotherapeutischer Behandlung an und führt
zur Resistenzentwicklung des Tumors.
• Polychemotherapie ist
eine unbedingte Notwendigkeit. Da Zellen durch Mutation grundsätzlich
gegen jede einzelne Substanz Gegenmittel "erfinden" können,
senkt die Kombination von chemotherapeutischen Prinzipien die Wahrscheinlichkeit,
dass der Tumor resistent wird. Nur eine Zelle, der es gelingt, gleichzeitig
Glutathion-S-transferase zu amplifizieren, MDR zu amplifizieren und
den Glucocorticoid-Rezeptor zu inaktivieren, überlebt eine Kombinationstherapie
mit Cyclophosphamid, Doxorubicin, Vincristin und Prednisolon (das klassische
CHOP-Protokoll gegen Lymphome). Dies ist wesentlich weniger wahrscheinlich
als die Entwicklung einer Resistenz gegen eine Monotherapie.
• Gleichzeitig bedeutet
das, dass der Tumor im Fall eines Rezidivs genetisch vollkommen andere
Eigenschaften hat als sein ursprünglich diagnostizierter Vorläufer.
Insbesondere sind die Behandlungsaussichten besonders schlecht, da das
Rezidiv bereits gegen die meisten gängigen Chemotherapieklassen Resistenzen entwickelt hat.
12.
Kolon-Karzinom: Molekulare Besonderheiten
Der
Tumorsuppressor APC
APC
steht für Adenomatöse Polyposis Coli. Mitglieder von Familien mit dieser
erblichen Erkrankung entwickeln hunderte Kolonpolypen, von denen einzelne
nach Jahren schließlich in Malignität münden. Das Genotyp/Phänotyp-Muster
ist eine Parallele zu erblichem Retinoblastom und Li-Fraumeni-Syndrom:
betroffene Patienten erben ein defektes APC-Allel. APC spielt jedoch
nicht nur bei dieser relativ seltenen genetischen Erkrankung eine Rolle:
in etwa 60% aller Fälle von Kolonkarzinom ist die APC-Funktion durch
Mutation verloren gegangen.
Der
Ausfall von APC fördert die Entstehung einer malignen Neoplasie durch
verschiedene Mechanismen, die auf mehrere getrennte biologische Funktionen
des Moleküls zurückzuführen sind.
In
seiner ersten Funktion wirkt APC antagonistisch auf das Molekül b-Catenin in einem Signaltransduktionsweg,
der wesentlich für die Aufrechterhaltung der Population der Kolonepithelzellen
ist und durch den Wachstumsfaktor Wnt
aktiviert wird. b-Catenin
"kettet" das Adhäsionsmolekül E-Cadherin, das Zell-Zellkontakte
vermittelt, an das Zytoskelett. Überschüssiges b-Catenin, das für diese mechanische
Aufgabe nicht gebraucht wird, wird in Abwesenheit von Wnt durch eine an APC gebundene Kinase
(Glykogen Synthase Kinase 3b; GSK-3b) phosphoryliert und damit zum Abbau über den Ubiquitin-Proteasomweg
markiert. Bindet Wnt an seinen Rezeptor, führt das zur Inaktivierung
des APC–Proteinkomplexes, und das überschüssige b-Catenin
akkumuliert, wechselt in den Zellkern und entfernt dort einen Hemmer
von Transkriptionsfaktor Tcf4 (T-cell
factor 4). Das führt zur Expression mehrerer proliferationsfördernder
Gene wie Cyclin D und c-MYC. Die physiologische Bedeutung dieses Signaltransduktionsweges
zeigt sich daran, dass Tcf4-knockout-Mäuse kurz nach der Geburt an einem Mangel an Darmepithelzellen
sterben.
Im
Fall einer mutationsbedingten Inaktivierung beider APC-Allele führt
der Wegfall der Möglichkeit, b-Catenin
zu phosphorylieren auch in Abwesenheit des Wachstumsfaktors Wnt zu einer Dauerakkumulation von b-Catenin
und damit zu einer Dauerexpression von Cyclin D und c-Myc. Mit anderen
Worten: der Verlust von APC führt zu einem vorgetäuschten Wnt-Wachstumssignal.
Das
Vortäuschen eines Wnt-Wachstumssignals wäre bei intaktem APC auch durch
eine Überexpression oder mutationsbedingte Stabilisierung von b-Catenin denkbar. Tatsächlich
findet man eine solche in etwa 10% aller Kolonkarzinome. b-Catenin
hat in diesen Fällen also Onkogen-Funktion.
Dieses
Beispiel zeigt, dass eine wesentliche Tumor-fördernde Veränderung in
der Aktivierung eines für die Proliferation der spezifischen Zellart
ausschlaggebenden Signalwegs liegt. Dies ist sowohl über den Verlust
von bremsenden Elementen (Inaktivierung von Antionkogenen) als auch
über die Aktivierung Signal-fördernder Elemente (Aktivierung von Protoonkogenen
zu Onkogenen) möglich
APC
hat noch eine weitere zelluläre Funktion in der Metaphase der Zellteilung:
es koppelt die Enden der Microtubuli der entstehenden Spindel auf der
einen Seite an die Kinetochoren der Chromosomen, auf der anderen Seite
des Spindelpols an eine definierte Stelle der Zellmembran. Bei einem
Ausfall von APC verringert sich die Präzision des Auseinanderziehens
und Verteilens der Chromosomen auf die entstehenden Tochterzellen. Die
Folge ist, wie beim Ausfall von p53, chromosomale Instabilität (CIN),
die den Grundstein für einen raschen Verfall der Genomqualität bildet.
Außerdem
gibt es Hinweise dafür, dass APC über die Anheftung der Spindel an der
Zellmembran die Zellteilungsachse einstellt, die wesentlich für die
asymmetrische ("heteromorphe") Charakteristik der Stammzellteilung
ist. Fehlt APC in einer Stammzelle, verläuft die Teilung symmetrisch
und resultiert in zwei Zellen mit uneingeschränktem Teilungspotential.
Die Fehleinstellung der Zellachse könnte so eine Ursache für die Differenzierungsstörung
des Zellklons sein. Diese Anheftungsfunktion von APC mag der Grund sein,
warum der Verlust von APC-Aktivität häufig der erste Schritt in der
multi-step-Entwicklung des Kolonkarzinoms ist.
HNPCC-Antionkogene
Neben
der Adenomatösen Polyposis Coli gibt es eine zweite, häufigere Form
der genetisch bedingten Prädisposition für Kolonkarzinom, die morphologisch
nicht mit der Ausbildung von Schleimhautpolypen einhergeht: hereditary
non-polyposis colorectal cancer oder HNPCC. Die klinischen Kriterien
für eine HNPCC sind das Auftreten von Kolonkarzinom bei drei Mitgliedern
einer Familie, wobei zwei Generationen betroffen sind und zumindest
einer der Tumoren vor dem 50 Lebensjahr auftritt. Von der Entartungsneigung
sind auch andere Gewebe betroffen, speziell das Endometrium: in manchen
Familien steht das gehäufte Auftreten von Endometriumskarzinom im Vordergrund.
Etwa 5% der Gesamtheit der Fälle von Kolonkarzinom gehen auf HNPCC zurück.
Diese entwickeln sich häufig im Colon
ascendens, während Kolonkarzinome sonst eher im Sigmoid und Rectum
auftreten. Im Gegensatz zu Familiärer Polyposis Coli entwickeln nicht
100% der Betroffenen einen malignen Tumor, jedoch immer noch 80%. Ist
das Prädispositionssyndrom einmal diagnostiziert, ist es daher nötig,
engmaschige Kontrollen von Kolon und Uterus vorzunehmen. Der HNPCC zugrunde
liegende Defekt betrifft nicht ein Gen, sondern das mismatch
repair-System als solches. Die am häufigsten betroffenen Gene sind
MLH1 und MSH2, doch können auch die anderen Komponenten betroffen sein.
Wie bei APC hat der Defekt nicht nur für die hereditäre Form des Kolonkarzinoms
Bedeutung, sondern wird auch als somatische Mutation in sporadischen
Fällen von Kolonkarzinom, Endometriumkarzinom und Magenkarzinom gefunden.
Defekte
im mismatch repair-System kann man an einer
Sonderform der genetischen Instabilität erkennen: microsatellite instability (MIN). Wiederholungen von einzelnen oder
wenigen Basen, wie z. B. TTTTTTTT oder ATATATATATATATATAT, so genannte
Mikrosatelliten, sind offensichtlich besonders schwierig in gleich bleibender
Anzahl zu replizieren. Bei Defekten im mismatch
repair-System findet man von Zellgeneration zu Zellgeneration häufig
Veränderungen in der Zahl solcher Wiederholungen: man spricht deshalb
von microsatellite instability. Der Begriff
hat deshalb Bedeutung, weil es technisch wesentlich leichter ist, MIN zu diagnostizieren als alle in Frage
kommenden Gene des komplexen Reparatursystems auf Mutationen abzusuchen.
Überexpression
von Glutathion-S-Transferase als Resistenzmechanismus gegen Alkylantien
wurde bereits dargestellt. Auch Defekte im MMR-System können zu Resistenz
gegen in der Chemotherapie eingesetzte Alkylantien führen. Alkylantien
führen zur Methylierung oder Chloroethylierung von Guanin auf dem Sauerstoff
O6, was, wie erwähnt, in der nächsten Replikation einen mismatch
mit T zur Folge hat. Es existiert im Prinzip ein spezielles Molekül,
um die auch unter physiologischen Umständen auftretende O6-Methylierung
wieder zu beseitigen: Methyl-Guanin-Methyltransferase. Nach Aufnahme
der Methylgruppe kann sich dieses Molekül jedoch nicht mehr regenerieren;
unter den Bedingungen einer Chemotherapie ist dieser Mechanismus sofort
überlastet, so dass viele O6-Methylguanine oder Chloroethylguanine bestehen
bleiben. Diese werden nach der DNA-Replikation durch ihren mismatch
mit T erkannt und "repariert"; das MMR-System ist in dieser
Situation allerdings offensichtlich nicht in der Lage, alten und neuen
Strang voneinander zu unterscheiden, da es den mismatch
häufig in die "falsche" Richtung ausbessert. Das hat derart
massive Punktmutationen zur Folge, dass die Zelle daran zu Grunde geht
–der eigentliche Wirkmechanismus von Alkylantien. Anders ausgedrückt:
die Wirkung von Alkylantien setzt ein intaktes MMR-System voraus. Zellen
entkommen dieser Wirkung, wenn Mutationen frühzeitig das MMR-System
lahm legen –es entsteht ein MMR-defekter, Alkylantien-resistenter Zellklon.
13.
Mamma-Karzinom: Molekulare Besonderheiten
Defekte
der Tumorsuppressoren BRCA-1 und -2 tragen wesentlich zur Entstehung
von Mamma- und Ovarialkarzinomen bei. Sie sind notwendige Bestandteile
mehrerer DNA-Reparaturmechanismen, z. B. eines Systems zur Reparatur
von Doppelstrangbrüchen. Menschliche Zellen haben zwei Systeme zur Wiederherstellung
der Kontinuität nach einem Doppelstrangbruch: non-homologous end joining (NHEJ) und homologe
Rekombination (HR). Der Unterschied zwischen diesen beiden Systemen
besteht darin, dass NHEJ nicht zur vollständigen Wiederherstellung des
ursprünglichen Zustands führt, die eigentlich "bessere" HR
jedoch nur möglich ist, wenn die DNA bereits repliziert wurde.
Non-homologous end joining
Bei NHEJ werden
zunächst die Enden der Chromosomen/DNA-Fragmente erkannt und anschließend
als Voraussetzung zur Wiedervereinigung prozessiert: das den Strangbruch
auslösende Ereignis —z. B. die Energie ionisierender Strahlung— hat
die betroffenen Nukleotide in der Regel chemisch verändert. Durch das
"Zurechtstutzen" der Enden gehen zwangsläufig einige Nukleotide
verloren: dieser Reparaturmechanismus ist ein wesentlicher Verursacher
kleiner Deletionen. Da der Großteil des menschlichen Genoms nicht kodiert,
ist die Wahrscheinlichkeit, funktionelle Schäden zu erzeugen, trotzdem
um vieles geringer als wenn der Bruch unrepariert bliebe.
Der
zu NHEJ führende Signaltransduktionsweg wurde im Prinzip bereits bei
p53 besprochen. Durch den Strangbruch werden Chromatinänderungen ausgelöst,
die die katalytische Untereinheit der DNA-abhängigen Proteinkinase aktivieren.
In der Folge werden einige Proteine des Reparatursystems, wie XRCC4,
direkt, andere, wie p53, die checkpoint-Kinase CHK-2 und NBS1 indirekt
über die verwandten Kinasen ATM und ATR phosphoryliert. (XRCC steht
für X-ray Repair Complementing
defective repair in Chinese hamster cells; NBS für Nijmegen breakage syndrome.) Damit wird einerseits, wie im Abschnitt
über p53 ausgeführt, die Zelle in G1 arretiert, andererseits der Reparaturapparat
aktiviert. Zur "Glättung" der Enden dient ein Komplex aus
den Proteinen MRE11-RAD50-NBS1, der Endo- und Exonucleaseaktivität besitzt.
(Bezeichnungen für Moleküle aus Reparatursystemen stammen vielfach aus
dem Hefesystem, in dem Mutanten mit auffälligen Defekten isoliert wurden,
wie z. B. radiation-sensitive-RAD
oder Meiotic REcombination deficient- MRE.)
Der
letzte Schritt im NHEJ-Reparaturprozess wird durch eine DNA-Ligase katalysiert,
die durch das Adapterprotein XRCC4 an
den Ku-Komplex bindet und die Kontinuität des DNA-Strangs wieder herstellt.
Auf diese Weise können die meisten Doppelstrangbrüche unter Hinterlassung
einer kleinen Deletion repariert werden.
Homologe
Rekombination
Es
gibt jedoch Situationen, in denen NHEJ
nicht ausreicht, DNA-Strangbrüche zu reparieren. Das stärkste Argument
für diese Aussage stammt von Experimenten mit einem Protein, RAD51,
das eine zentrale Rolle im Prozess der homologen Rekombination spielt.
Zellen, in denen das NHEJ-System intakt ist, RAD51 jedoch experimentell
ausgeschaltet wurde, sind nicht mehr viabel: beim Versuch, ihre DNA
zu replizieren, entstehen so viele Fehler, dass die Zellen absterben.
Man schließt daraus, dass homologe Rekombination ein notwendiger "Nachbesserungsmechanismus"
des DNA-Replikationssystems ist. Im Fall der DNA-Replikation treten
Doppelstrangbrüche häufig im lagging strand kurz nach der Gabel auf; wenn die diskontinuierlichen
Okazaki-Fragmente z. B. auf einen Einzelstrangbruch im Gegenstrang stoßen.
Diese Situation ist günstig für homologe Rekombination, da ein identischer
Strang —das gerade entstandene Schwesterchromatid— räumlich unmittelbar
benachbart ist. Homologe Rekombination beruht darauf, dass sich ein
überhängendes Einzelstrang-Ende des gebrochenen Doppelstrangs an einen
identischen, intakten Doppelstrang anlagert und sich mit Hilfe von spezialisierten
Proteinen wie RAD51 an die Stelle seiner Kopie setzt. Mit der neu gefundenen
Matrize kann der gebrochene Strang nun elongiert bzw. repariert werden.
Diese Form der Reparatur behebt Doppelstrangbrüche, ohne Deletionen
zu generieren.
Nach
einem Strangbruch in der Nähe einer Replikationsgabel beginnt der Prozess
der HR mit einer Verkürzung des Strangs mit dem 5´-Phosphat-Ende durch
5´->3´-Exonukleaseaktivität des bereits erwähnten MRE11-RAD50-NBS1-Komplexes.
Das 3´-Ende des anderen Strangs gewinnt damit die Bewegungsfreiheit
zur sogenannten strand-invasion,
für die es die Proteine RAD51 und RAD52, die Antionkogene BRCA (breast cancer)‑1 und BRCA‑2
sowie noch einige andere Moleküle benötigt. Das 3´-Ende des invadierenden
Strangs wird nun unter fortschreitender Verdrängung des autochthonen
Strangs durch eine DNA-Polymerase verlängert. Die beiden ineinander
verwobenen Doppelstränge können schließlich entweder durch voneinander-Lösen
oder durch Schneiden getrennt werden; die restlichen Lücken werden durch
DNA-Ligase I geschlossen. Damit kann die Replikationsgabel weiterlaufen.
Verlust
von BRCA1 oder-2-Funktion vermindert die Effizienz von HR-Reparatur
beträchtlich. Es ist wahrscheinlich, dass bestehende Replikationsprobleme
dann notdürftig mit anderen, weniger geeigneten Mechanismen behoben
werden (z. B. error-prone repair), die Mutationen oder
Chromosomenveränderungen nach sich ziehen. Mit der Entwicklung eines
Organismus ist das jedoch offensichtlich nicht vereinbar: knock-out von BRCA-1 oder BRCA-2 in Mäusen wirkt bereits im Embryonalstadium
letal.
Die
Bedeutung von Defekten in der Reparatur von Doppelstrangbrüchen für
die Krebsentstehung zeigt sich darin, dass viele Tumoren, besonders
Kolonkarzinom, Mammakarzinom, Prostatakarzinom und Pankreaskarzinom,
ausgeprägte chromosomale Instabilität mit loss
of heterozygosity auf zahlreichen Allelen zeigen. Ursache für diese
Instabilität sind häufig solche Reparaturdefekte, jedoch nicht ausschließlich:
Mutationen in Genen, deren Produkte eine Rolle in Zellzyklus-Checkpoints
und Chromosomen-Organisation und ‑Transport haben, führen zum
selben Phänotyp.
Antionkogene
BRCA-1 und BRCA-2
BRCA-1
und -2 sind nicht nur an homologer Rekombination, sondern auch noch
an anderen Reparaturmechanismen beteiligt. Die beiden Moleküle waren
schon vor dieser Erkenntnis durch ihre Rolle in der Entstehung des Mammakarzinoms
entdeckt und benannt worden.
Betrachtet
man die Altersverteilung der Inzidenz von Mammakarzinomen, fällt auf,
dass diese nicht, wie jene vieler anderer Tumoren, einer einfachen exponentiellen
Funktion entspricht. Es gibt "zu viele" früh auftretende Fälle.
Diese untypische Inzidenzverteilung hat zu einer Einteilung in early-onset und late-onset-Formen
von Brustkrebs geführt. Man schätzt, dass genetische Faktoren nur zu
etwa 5% aller Brustkrebsfälle beitragen, jedoch zu etwa 25% der vor
dem Alter von 30 Jahren auftretenden Fälle. Segregationsanalysen in
gehäuft von Brustkrebs betroffenen Familien führten zur Identifikation
der beiden Antionkogene BRCA1 und BRCA2, für deren Funktion man zunächst
keinerlei Anhaltspunkte hatte. Analog der Situation beim erblichen Retinoblastom
weisen die betroffenen Frauen in allen Körperzellen ein loss-of-function-Allel
auf; in den entstehenden malignen Tumoren ist zusätzlich meist das zweite,
gesunde Allel verloren gegangen (Verlust der Heterozygotie). So erklärt
sich auch das erhöhte Risiko dieser Patientinnen, in der zweiten Brust
ein weiteres Mammakarzinom zu entwickeln. Beide BRCA-1 und BRCA-2 verhalten
sich also wie typische Antionkogene. Das Vorhandensein eines loss-of-function-Allels in Mitgliedern einer betroffenen Familie ist
diagnostizierbar und stellt die Frauen vor die schwierige Entscheidung,
sich einer prophylaktischen Mastektomie zu unterziehen oder anderen
prophylaktischen Maßnahmen, wie Ovariektomie, Tamoxifen und engmaschigen
Kontrollen zu vertrauen.
Vererbte
Mutationen in BRCA1 fördern nicht nur die Entstehung des Mammakarzinoms,
sondern auch des Ovarialkarzinoms. Auch Männer mit einem defekten BRCA-1-Allel
haben ein etwas erhöhtes Risiko für Brustkrebs, sowie eine mäßige Erhöhung
des Risikos für Prostatakarzinom, Pankreaskarzinom und Melanom. Da die
Risikoerhöhung eines heterozygoten Mannes wesentlich geringer ist als
jene einer heterozygoten Frau, wird nach einem Mechanismus gesucht,
der diese Geschlechtsspezifität erklären könnte. Es gibt Hinweise, dass
BRCA1 eine Rolle bei der Inaktivierung des zweiten X-Chromosoms der
Frau spielt. Neben der Beeinträchtigung der DNA-Reparatur hätte ein
Verlust der BRCA1-Funktion damit —nur bei der Frau und nicht beim Mann!—
die Verdoppelung der Aktivität aller X-kodierten Gene zur Folge. Es
ist noch nicht klar, welche dieser Gene die Entstehung eines Mamma-
oder Ovarialkarzinoms fördern. Ein weiteres Modell ergibt sich aus der
neuen Erkenntnis, dass BRCA1 auch eine Rolle als E3-Ubiquitin-Ligase
für den Östrogenrezeptor α hat. Fehlende ERα-Inaktivierung
könnte erklären, warum der Effekt besonders Frauen betrifft und hier
wieder besonders Gewebe, die Östrogen-abhängig proliferieren.
Genetische
BRCA2-Defekte kommen sowohl im hetero- als auch im homozygoten Zustand
vor und bringen in beiden Fällen eine erhöhtes Tumorrisiko mit sich.
Heterozygot besteht ein erhöhtes Mammakarzinomrisiko sowie ein moderat
erhöhtes Risiko für die Ausbildung eines Ovarialkarzinoms. Homozygote
BRCA2-Defekte sind eine der möglichen Ursachen der Fanconi-Anämie.
Fanconi-Anämie
ist eine rezessiv vererbte Erkrankung, die auf den Verlust der Funktion
von einem aus einer Gruppe von mindestens zwölf verschiedenen Genen
zurückgeführt werden kann. Die Erkrankung manifestiert sich meist im
Kindesalter und beinhaltet ein variables Spektrum an Fehlbildungen,
die Entwicklung einer Panzytopenie und häufig die Entwicklung einer
AML oder eines Plattenepithelkarzinoms im Kopf/Hals-Bereich. Auch dieses
Neoplasie-Prädispositionssyndrom ist auf genetische Instabilität zurückzuführen.
Eines der zwölf die Erkrankung verursachenden Gene stellte sich
als BRCA2 heraus. Dies scheint ein Widerspruch zur Situation in der
Maus zu sein, die ohne BRCA2 nicht lebensfähig ist, doch haben die beide
Allele betreffenden Mutationen bei Patienten mit Fanconi-Anämie die
Charakteristik, dass noch ein Teil des Proteins gebildet wird. Die Expression
dieses Teils könnte also für das Überleben genügen.
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